Knapp vorbei und doch so nah dran

So. Ein neuer Beitrag zum Thema „fast hätte ich“. Diesmal lautet der vollständige Satz „fast hätte ich einen Job in der Schweiz gehabt“.
Meine Mitbewohnerin Kimberly hat mir Anfang Juli eine Ausschreibung für die Audition von „Nonnsens“ in Luzern geschickt, die sie auf einer Internetseite gefunden hat, auf die ich keinen Zugriff habe. Ich hatte schonmal eine Rolle in diesem Stück und habe mich dafür auch prompt mit der Angabe „ich kenns ich kenns und finds toll“ beworben. Die Antwort des Produzenten mit einer wirklich netten Einladung kam schnell, so dass ich mich in der Nacht auf den 12. Juli von Berlin aus nach Bern aufmachte, um den Menschen zu zeigen, was in mir steckt.
Ich kam um halb Elf morgens an, was anderthalb Stunden früher war als gedacht und sie freuten sich sehr mich zu sehen. Die Audition hatte bereits um Zehn mit Tanzen angefangen; da mit mir erst um Zwölf gerechnet worden war, sollte ich einfach erstmal zugucken und später allein eine kleine Tanzaudition machen. Zur näheren Erklärung: Ich bin ein sogenannter „Mover“, was bedeutet, ich kann echt nicht wirklich bühnenreif tanzen, aber bewegen zur Musik ist drin.
Die Combi, die getanzt wurde, war jedoch für mein übernächtigtes Gehirn irgendwie ein Kick, denn ICH, die ich normalerweise gefühlte Dekaden brauche, bis ich das im Körper habe, was der Choreograf von mir will, konnte nach zwanzig Minuten locker mittanzen. Also keine Extrawurst, ich bin ins kalte Wasser gesprungen und habe getanzt wie eine Wilde. Da war ich seeehr stolz auf mich, das hat auch Eindruck hinterlassen, dass ich das so schnell und (na ja, beinahe) problemlos hinbekommen konnte.
Wir waren insgesamt zwölf Mädels, außer mir lauter Schweizerinnen, die entweder auf der Schule, in der die Audition stattfand, gelernt hatten oder gerade in den letzten Zügen waren. Man kannte sich und den Regisseur/Choreografen (der gleichzeitig Lehrer dort ist) also, nur ich nicht. Später kamen noch drei weitere Damen dazu, von denen genau eine deutsch und mir von meiner letzten Nonnsensproduktion bekannt war; circa zwanzig angemeldete Damen waren garnicht erst erschienen (was ich persönlich echt blöd finde, man weiß doch in unserem Job, dass ausgesiebt wird und wer eine Einladung hat, sollte sich abmelden, um Nachrückern eine Chance zu geben, oder sehe ich das falsch?); also eine überschaubare Runde und ich mittendrin, müde wie ein Braunbär im Januar, aber voller Willen zu zeigen, was ich kann.
Die zweite Runde dann war Steppen. Ich habe Steppen quasi für Nonnsens gelernt und bin dementsprechend schlecht darin. Die Combi war auf einem derart hohen Niveau angesiedelt, dass wirklich ALLE Probleme hatten sie zu tanzen. Ich habe so garnichts hingekriegt, war nach fünf Minuten einem Tränenausbruch nahe und wollte aufgeben. Aber dann trat sich die Schäfer selbst in den Arsch und fakte, was das Zeug hielt. Ich habe einfach so getan, als könnte ich es und ich kenne mich gut genug um zu wissen, dass ich eine Woche brauche und dann das steppen kann, was verlangt wird; der Choreograf sagte uns das auch, wir sollten einfach zeigen, dass wir so tun könnten als ob.
Und ich tat so als ob, aber hallo!!!
Nach der Tanzrunde wurde dann zum ersten Mal ausgesiebt, wer zum Singen da bleiben durfte. Ich war WEITER!!!! Wer mich kennt, weiß, dass ich gerne mal eher pessimistisch bin, ich dachte mir also gleich, die lassen mich halt singen, damit ich die ewig lange Reise nicht nur für ein bisschen Sport gemacht habe (immer eher negativ denken, damit die Enttäuschung nicht so hoch ausfällt).
ABER meine Gesangsaudition lief- wie soll ich sagen- grandios. Ich gehöre zu den Menschen, die sich um eine Sache trillionenfach Gedanken machen und jedes Wort hin- und herdrehen, um doch noch einen Haken zu finden, aber diesmal war es quasi perfekt. Ich habe zwei Songs aus dem Stück vorgetragen, einen externen Monolog gespielt (bei dem die gewünschte Reaktion- Heiterkeit- problemlos erreicht wurde) und dann meinte der Regisseur/Choreograf, ich solle noch kurz eine andere Rolle aus dem Stück anspielen, ich hätte was, das ihn daran erinnert.
Ich stelle mich also in Positur und der Produzent fängt das Schettern an, ich bin durch und werde gefragt, ob ich mir denn vorstellen könne auch diese Rolle zu spielen, was ich selbstverständlich bejahe („ich würde für jede Rolle in Nonnsens töten“). Ich kann die Athmospäre hier nicht wiedergeben, aber ich habe oft genug vorgesungen um zu wissen, wann ich es knicken kann und wann ich eine Chance habe; diesmal verabschiedete sich der Produzent mit den Worten „Bis bald!!!“ von mir und in diesem „bis bald!!!“, ich SCHWÖRE, steckte „bis bald zum Probenbeginn, nächste Woche kriegst du den Vertrag“.

Ich habe auf der ewig langen Rückfahrt alles nochmal hin- und herüberlegt und versucht mir zu sagen, dass ich viiiiel zu positiv denke, aber nein, es hat sowas von ALLES gepasst, der Regisseur/Choreograf fand meinen „Tanz“stil toll und war angetan von meiner Stepfakerei, der Produzent sagte, so wie ich spiele stelle er sich die Rolle vor, ich wurde mit Handschlag verabschiedet, ach, es war einfach perfekt.
Von diesem Moment an klebte ich quasi an jedem Rechner mit Internetzugang, um von denen zu hören. Und ab Mittwoch wusste ich tief in mir drin, dass es Jemanden gegeben haben musste, der noch mehr eingeschlagen hatte als ich. Ich bekam nämlich nada.
Am Freitag bin ich dann garnicht erst ins Netz gegangen (ich bin 30 geworden, wer will da schon Negativschlagzeilen), aber bis Sonntag haben sie sich netterweise nicht gemeldet.

Da war dann aber die Absage da. Eine sehr nette Absage, sie hätten sich dank meines Einsatzes von meinen Fähigkeiten überzeugen können, weshalb es ihnen nicht leicht fiele mir zu sagen, dass sie mich momentan nicht für die Cast berücksichtigen könnten, sollte es später jedoch Einsatzmöglichkeiten geben, würden sie sich mit mir in Verbindung setzen, bis zu einem hoffentlichen Wiedersehen- also wirklich nett.
Ich bin der Ansicht, sie haben sich nicht gegen mich, sondern für eine andere entschieden (ist ein Unterschied!), ich bin extrem stolz auf das, was ich dort gezeigt habe, mein Selbstwertgefühl ist angestiegen, aber VERDAMMT!!!!! SCHON WIEDER KNAPP DANEBEN!!!!

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Das echte Leben

6 Antworten zu “Knapp vorbei und doch so nah dran

  1. oh man, judith, kann so gut nachvollziehen, wie es dir gerade gehen muß. habe zum gleichen thema gerade einen ähnlichen blog-eintrag verfaßt (naja, optimismus-technisch bist du mir gerade vorraus).
    drück dir die daumen, daß bald was klappt!!!
    liebe güße von einer leidensgenossin, die auch nicht weiß, ob sie selbständig oder arbeitslos oder beides ist 😉 (schöner blog-untertitel!)

  2. rene

    Ja, dass ist hart. – Doch ich gebe Dir recht, es baut auch auf. Man erfährt: „Ja, ja, ja, ich hab‘ es noch drauf!!!“ Es gab immerhin eine Chance, sich zu zeigen. Und wer weiß, wem man da nicht doch in Erinnerung bleibt…
    Ich wünsch mir auch endlich mal wieder ein Vorsprechen… sniff.
    Lieben Gruß von Rene

  3. 😉 lasst mich in eurem Bunde die dritte sein!…
    Liebe Judith, du sprichst mir aus der Seele, denn solche Auditions kenne ich allzu gut. Und ich drück dir alle Daumen, dass die nächste Audition noch besser wird und du endlich deinen Namen in einen Vertrag kritzeln kannst!
    Alles Liebe von einer willkommen-in-Bicolas-Club-der-selbständig-und-trotzdem-arbeitslosen-aber-immer-um-einen-Job-kämpfenden Leidensgenossin;-)

  4. Wenn wir hier so weiter machen, kann Birgit ihr neues Theater parallel mit „Bernada Albas Haus“ und „8 Frauen“ in Doppeltbesetzung starten 😉

    Natürlich kenne ich auch genau solche Situationen, wie die hier von Dir beschriebene.

    Ich kann aber sagen, daß in den meisten Fällen, mein Schutzengel die Hand über mir hatte und ich vor:
    a) einem Pleiteprojekt,
    b) einer grauenvollen Inszenierung
    c) einem intriganten Ensemble
    gerettet wurde.

    Fast alle Vorsprechen, die auf die eine oder andere Art eben nicht geklappt haben, stellten sich beim hinterher Draufsehen, als „nicht für mich passend“ heraus.
    Und das bitte ich ganz ohne einen „saure Trauben“-Unterton zu lesen :-)!

  5. hahaha, hier wird also schon über meine besetzung verhandelt! das fängt ja gut an. die idee mit der 8-frauendoppel-besetzung gefällt mir.
    in meinem theater sollen eh alle großen klassiker mit frauen besetzt werden. „hamletta“, „claviga“, „donna carla“, „natha, die weise“, „Fausta“, „wilhelmine tell“ und „die räuberinnen“, um nur einige zu nennen. dafür gibts dann aber auch die schönen stücke „mario stuart“ und „der kater von heilbronn“ 😉
    also: interessenten gerne bei mir melden!

  6. emre

    Merhaba,
    jetzt bin ich wohl auch ein Fan deiner Maul-durchfalls geworden, du hattest es jedoch verblümter ausgedrückt.
    Also Ich kenne diese Situation nur zu gut. Es gab einmal den Fall dass ich nach einem Casting von 3. die den Regisseur kannten gehört habe wie toll er mich fand, im Endefekt NICHTS! …
    Es ist schon seltsam…
    Güle Güle

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