Wut im Bauch

Ich weiß, ich bin Dreißig. Ich weiß, ich bin erwachsen und zum Erwachsensein gehört, dass man über den Dingen steht und sich nicht immer von Außenstehenden, die nicht mein Niveau benutzen um mit mir zu kommunizieren, aus der Bahn werfen zu lassen. Ich weiß, was ich kann und ich weiß, dass trotz aller gut oder weniger gut gemeinten Ratschlägen der Außenwelt allein ich für mein Leben Entscheidungen zu treffen habe. TROTZDEM nervt es mich TOTAL, dass es Menschen in meinem Umfeld gibt- wobei hier der Begriff Umfeld echt WEIT gefasst ist-, die mir immer wieder ans Bein pinkeln müssen, und die Gründe dafür sind mannigfaltig. Den heutigen Grund weiß ich nicht mal genau, ich hab da nur ein, zwei Ahnungen.
Okay, soviel des Vorgeplänkels. Ich habe einen dreimonatigen Job in der Schweiz als Assistant Stage Manager mit blabla auf Empfehlung eines Freundes und Kollegen angeboten bekommen und angenommen. HURRA, ICH HABE DREI MONATE WAS ZU TUN!!!! Und egal, wie sich der Job nennt, das kann ich, das macht mir Spaß.
Treffe ich einen Kollegen bei facebook, also dort als „Freund“ bezeichnet, und chatte mit ihm. Er fragt, was bei mir so ansteht, ich erzähle es ihm und erzähle es ihm freudig, kommt da doch die Reaktion von ihm, es sei erfreulich (O-Ton), dass mir klargeworden sei, dass mein Arbeiten auf der Bühne keine Zukunft habe und ich jetzt wisse, wo ich besser hinpasse (wieder O-Ton). Kleine Anmerkung: Wir haben NIENIENIE zusammen eine Produktion gemacht, er hat mich einmal auf der Bühne gesehen und fand mich „unglaublich, du hast ein solches komisches Talent“, ich habe ihn zweimal auf der Bühne gesehen und gebe weder ihm noch mir die Blöße mich darüber hier oder sonstwo auszulassen.
Es ist ein männlicher Kollege. Die Nummer mit der Stutenbissigkeit zieht also nicht wirklich, es sei denn, er wäre transsexuell und spart auf eine OP, was jedoch nicht annehme. O Mann, ich bin so wütend. Nein, ich bin nicht wütend, weil in seiner Aussage ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden- es passiert so häufig, nicht nur mir, sondern eigentlich jedem meiner Freunde, die diesen Beruf ausüben, dass sie von Kollegen in ihrer Berufsehre oder -wahl oder -ausübung durch Aussagen über ihr Arbeiten ÜBELST gekränkt werden.
Wenn ich so eine Geschichte von einem Freund oder einer Freundin höre, dann bin ich meistens in der Lage rational zu erklären, warum der böse Bube oder die Hexe sowas gesagt hat, es handelt sich da so gut wie immer um die Aussagen von Menschen, die sich ihrer selbst in diesem Beruf nicht wirklich sicher sind und diese Unsicherheit mit selten ausgegorenen oder fundierten Aussagen zum Können ihres Gegenübers kompensieren müssen- tragisch genug-, das ist aber keine Entschuldigung! Ja, das Klischee, dass bei uns im Metier gelogen wird, dass die Balken durchkrachen, es STIMMT. Der schöne Schein wird selten gewahrt, die Hackordnung bei Produktionen wird in 99 Prozent der Fälle nach der ersten Leseprobe klargemacht (zumindest bei den Produktionen, bei denen ich dabei war). Aber ich bin nicht bereit das hinzunehmen!
Zuallererst mache ich selbst sowas nicht. Ich erdreiste mich nicht, Kollegen gegenüber Kritik zu äußern, die jeglicher Grundlage entbehrt, wenn mir Jemand nicht gefallen hat, dann sage ich das wenn überhaupt nur, sollte er mich direkt fragen und dann wähle ich meine Formulierungen sorgfältig. Den Begriff „Beruf verfehlen“ verwende ich, wenn, dann im kleinsten Kreis unter höchstens sechs Augen bei Menschen, denen ich im Notfall meine Katze anvertrauen würde. Lästern steht hier nicht zur Debatte.
Jedes Mal, wenn ich meiner Mutter wieder wutentbrannt so einen Vorfall erzähle, gibt sie zurück, dass ich endlich lernen müsse, dass es „in meinem Job“ eben so läuft. Jedes Mal sage ich ihr, dass ich das nicht akzeptieren könne. Und das kann ich auch nicht! Mir ist egal, was mein Gegenüber von mir denkt, so lange ich nicht weiß, was es ist, ich behandle Menschen mit Respekt und verlange denselben auch wieder, und diesen Windmühlenkampf gebe ich nicht auf!
Das Problem ist nur, fiel mir auch vorhin wieder auf- wie reagiert man auf so eine dämliche Aussage? Im ersten Moment wollte ich ihn schriftlich beschimpfen, aber dann hätte ich gezeigt, dass er mich getroffen hat und den Triumph wollte ich ihm nicht gönnen. Dann wollte ich ihm zurückgeben, dass das keine sehr angemessene Aussage gewesen sei, aber auf eine Diskussion mit ihm einlassen hätte mich wieder zurück zum Getroffensein geführt- wollte ich ja nicht. Ihn einfach wegklicken- gleiches Ergebnis. Es übergehen- bei allen Mächten der Unterwelt, die sich vereint haben mich zu knechten, das KONNTE ICH NICHT!!!! Ich bin nicht in der Lage Beleidigungen zu schlucken, ich verteidige mir wildfremde Menschen, wenn die gedisst werden (im Alter weniger, hat ein, zwei Mal ein bisschen weh getan), also- WAS TUN????
Zum GLÜCK habe ich, als die Schlagfertigkeit verteilt wurde, sehr laut HIER!!!! geschrien. Meine Antwort war: „Ja, der eine kommt früher drauf, der andere später. Meine Intelligenz erlaubt mir ja eine Wahl.“
Das saß. Er hat sich ganz plötzlich verabschiedet. Der HAMMER ist, und das stellte ich mit großer Befriedigung fest, dass er nicht mehr unter meinen „Freunden“ auf facebook gelistet ist. Ich bin nicht diejenige, die gelöscht hat. Also könnte ich mich jetzt zufrieden zurücklehnen und mir sagen: gewonnen. Aber um auf die Gesamtsituation zurückzukommen: Sowas geht garnicht. Sowas ist scheiße. Jeder von uns hat in sich den angeborenen Drang zu lästern, das sei uns allen gegönnt. Aber können wir nicht endlich aufhören andere schlecht oder fertig zu machen, nur um selbst besser dazustehen?
Ich habe heute einen Kommentar geschrieben, in dem ich mich sehr negativ über einen Film geäußert habe. Ja, ich tue das auch. Betrachtet es unter dem Gesichtspunkt, dass es sich um „The Dark Knight“ handelt und garantiert von keinem der an diesem Film beteiligten Menschen gelesen wird. Heath Ledger ist außerdem tot, der wird es ganz bestimmt nicht lesen. Und ich bin dadurch auch nicht zu einer besseren Darstellerin geworden. Nicht ein bisschen.
Ist klar geworden, was ich meine? Findet das nicht noch Jemand außer mir so scheiße und will sich nicht wirklich damit abfinden?
Meine Wut ist verraucht. Bis zum nächsten Mal.

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4 Kommentare

Eingeordnet unter Das echte Leben

4 Antworten zu “Wut im Bauch

  1. Liebe Judith, bin schon sehr müde, aber du sprichst mir aus der Seele.
    Abfinden muss man sich wohl leider damit, dass es immer Menschen ( nicht unr in unserem Beruf ) geben wird, die sich auf diese Weise selbst erheben wollen. Ich denke, das Einzige, was man aktiv ( oh, welch schönes Wort ) tun kann ist wohl, einfach selbst nicht mitzumachen, fair und kollegial zu bleiben, Größe zu zeigen. Dass im kleinen vertrauten Kreis mal gelästert werden darf, finde ich befriedigend und hilfreich- manchmal macht man das eben gerne, oder?
    Die Antwort auf den Kommentar deinen nun Ex-Facebook-Freundes finde ich jedenfalls genial!!!
    Etwas positives ziehe ich jedoch persönlich aus deinem Bericht: Mir ist gerade bewusst geworden, dass ich anscheinend bis jetzt immer sehr viel Glück hatte mit den Ensembles, in denen ich gespielt habe. Ich nehme aber an, dass du hauptsächlich von Musicalleuten redest, oder? So gern ich endlich mal Musical machen möchte- die Leute, deren Art und diese hinterfotzige Bussi-Bussi-Gesellschaft ist wirklich gar nicht meine Welt- da bleib ich doch bei meinen schlechtbezahlten freien Theaterproduktionen, in denen eine angenehme Atmosphäre herrscht und ich nicht der 2. Baum von hinten links sein muss- auch wenn ich vom 2. Baum hinten links schon öfters schief angeguckt wurde, warum ich denn für das Geld überhaupt spiele. Naja, hat eben alles seine Sonnen- und Schattenseiten…
    lg

  2. Ein wirklich mit Schwung (Wut) geschriebener Artikel…
    Zwei Dinge: 1.) Kirtik ist wichtig! Zitat: „Hör das worin Dich Deine Feinde loben und Du kennst Deine Stärken!“
    2.) Das folgende Zitat habe ich sinngemäß aus einem Interview mit Günter Grass: „Ich hätte mir eine Elefantenhaut zulegen können, damit mich die Spitzen der Kritik nicht mehr treffen. Doch ich befürchte, dass solch eine Haut auch unempfindlich macht, für zahrte Signale.“

  3. Lieber Thomas,

    danke für deinen Kommentar. Ich gebe dir vollkommen recht, Kritik ist wichtig. Aber das, was ich da beschreibe, hat für mich nichts mit Kritik zu tun, ich echauffiere mich einfach über die Unverschämtheit und Respektlosigkeit, die mir und vielen entgegenwindet.
    Und danke für den Spruch von Herrn Grass, den verwende ich nächstes mal gegen meine Mutter :-).

  4. emre

    Hi,
    ich weiss genau was du meinst. Es gibt den Typ Schauspieler der sehr selbstbewusst wirkt, allen das Gefühl gibt er hätte Ahnung und jeden niedermetzelt der nur annähernd eine Gefahr bedeuten könnte. Im türkischen gibt es da ein Sprichtwort dass da heisst „Die Katze pinkelt auf das Essen dass sie nicht erreichen kann“ Das benutze ich als Schutzschild. Der Witz ist, diese Menschen sind oft im realen Leben SOWAS VON Schüchtern und labil dass sie sich nicht mal nen Kaffee richtig bestellen können.
    Es gibt diese Menschen in Schauspielschulen und Theatern und überall einfach.
    Es sind Menschen deren Anwesenheit als zuschauer einen so verunsichern können dass man nicht mehr richtig spielen kann. Weil sie werten und sie werten was das Zeug hält. Dass schlimme ist, jeder bekommt diese Wertung mit , …durch schnauben, schnaufen oder um mit einem türkischen sätzchen Abzuschliessen „Wie ein Gesicht dass aussieht als obs grad vom 7. Stock gefallen ist“
    Güle Güle und Ohren steif halten…

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