Why are you creative?

Vor Jahren hat mir mein geliebter Bruder ein Buch mit genau diesem Titel geschenkt, in dem sich berühmte oder sehr bekannte Persönlichkeiten dieser Frage stellen. Am Ende dieses Buches gibt es eine Doppelseite, auf der ich mich als Besitzerin des Druckwerks selbst dazu äußern könnte, was ich bis heute nicht getan habe. Warum? Ganz einfach- weil ich es für mich nicht in annähernd befriedigende Worte fassen konnte, warum ich kreativ bin. Ich hab dieses Buch öfter mal in der Hand, weil es mir Spaß macht darin zu schmökern, aber alles, was mir zu meiner eigenen Kreativität einfiel, haben andere schon „expressioniert“.
Dieses Buch steht im Wohnzimmer meiner WG in Berlin, ich bin ja seit Anfang Oktober für drei Monate in Zürich als Stage Manager der Elisabeth-Tournee, also hab ich momentan keinen direkten Zugriff. Nichtsdestotrotz denke ich fast täglich daran- warum bin ich kreativ? Und noch viel öfter- was IST für mich Kreativsein????
Die Produktion, bei der ich bin, ist auf ihrer ersten Station einer Tournee, bei der noch nicht ganz geklärt ist, wo es weiter hin gehen soll, ich bin erst seit Zürich mit dabei, das halbe Jahr in Berlin (wo es noch nicht als „Tournee“ lief) habe ich nicht da gearbeitet. So wie mir geht es sehr vielen, wir mussten alles neu lernen. Wenn man neu lernt, bleibt ein Chaos nicht aus, das ist normal. Allerdings habe ich hier, um ehrlich zu sein, das KREATIVE Chaos vermisst, das ich von so vielen anderen Produktionen kenne. Dadurch, dass der Regisseur des Stückes anscheinend sämtliche Versionen von Elisabeth kreiert hat und es eine strenge Lizenzregelung gibt, bleibt uns hier wenig Spielraum, den wir aber dennoch weidlich ausnutzen. Nun weiß ich natürlich, dass man als Stage Manager mit direktem Kreativ-Output nicht sooo viel zu tun haben muss, aber dennoch- ich persönlich habe sehr große Schwierigkeiten damit meine Vorstellungen von Theater mit den hier gegebenen Umständen zu vereinbaren. Das bedeutet nicht, dass meine Vorstellung von Theater die bessere ist, es heißt lediglich, dass ich hier mit einer Form von Theater zu tun habe, die für mich nichts ist. Ich möchte Proben haben, bei denen sich die Schauspieler die Köpfe heiß reden und von idiotischen bis zu congenialen Ideen alles vorschlagen können und dazu einen Regisseur, der die Größe und Macht hat diesen Hühnerhaufen zu dirigieren, ich möchte ein Team haben, bei dem alle das Gefühl vermittelt bekommen, sie tragen etwas Wichtiges dazu bei, ich möchte Vorstellungen haben, bei denen trotz aller Wiederholbarkeit auf der Bühne jeden Abend aufs Neue eine Spannung entsteht und man sich hinterher (im besten Fall hysterisch giggelnd) darüber auslässt, was da heute Abend wieder lief. DAS erlebe ich hier leider nicht, und das geht mir ab. Ich kann dieses Gefühl, das ich hier habe, nicht besser als mit „Fließbandarbeit“ beschreiben, und das ist so negativ behaftet. Ich will auf keinen Fall den Eindruck erwecken, ich verurteile diese Art von Produktionen, ich erlebe Abend für Abend ein Publikum, das sich zu Begeisterungsstürmen hinreissen lässt und das freut mich jedes Mal, weil auch ich mich als Teil der Vorstellung fühle- aber das isses nicht. Nicht für mich. Jede Abweichung wird bemerkt, beurteilt und zu 99 % als sozusagen „verwerflich“ betrachtet, nicht zuletzt deswegen, weil wir eine komplizierte Technikshow haben, bei der Abweichungen zum Teil sogar verletzungsgefährlich werden können; es hat also alles (oder vieles) seinen Sinn. Mir fehlt aber so der SPAAAAASS!!!! Wenn irgendwas (Ungefährliches) passiert, das eigentlich nicht passieren sollte, gehöre ich zu den Menschen, die das mit Humor nehmen, weil ich weiß, solche Dinge passieren ein Mal und dann nicht mehr; aber wenn ich dann höre, dass mit einem unheilsschwangeren Unterton gesagt wird „das darf nicht passieren“, denke ich jedes Mal sofort an einen Ausspruch, den mein alter Bühnenmeister und ich zusammen erfunden haben (da waren wir kreativ): „Solange wir selbst keine offene Herzoperation auf der Bühne machen müssen, ist alles halb so wild.“
Für mich ist Theater lebendig!!! Jeder Abend ist einzigartig für mich!!! Wenn was schief läuft, strenge ich mich an und bin stolz, wenn wir adäquat darauf reagieren können- und erwarte ehrlich gesagt auch ab und an mal ein Lob, wenn eine mehr oder minder „kritische“ Situation gut verarbeitet wurde. Wir stehen jedoch alle unter großem Stress und Druck, weil wir eine Perfektion erreichen müssen, die wir augenscheinlich nicht in der Lage sind hinzukriegen, weil nach jeder Vorstellung neue Notes kommen. Das klingt jetzt so, als wäre ich mit Mittelmaß zufrieden- bin ich nicht, ich stelle sehr hohe Ansprüche an mich und meine Umgebung, aber ich stelle hier fest, dass es eklatante Unterschiede hoher Ansprüche geben kann. Neue Dinge gelernt…
Nochmal: Ich mag das Stück sehr gerne, ich bin sehr glücklich über meine Kollegen, ich strenge mich bereitwillig an das Höchstmaß zu erreichen, aber mit meinen 30 Jahren habe ich (endlich?) gelernt, dass es Formen von Theater gibt, mit denen ich nichts anzufangen weiß. Das wichtigste für mich jedoch ist, dass ich eine persönliche Antwort auf die im Titel gestellte Frage gefunden habe. Why are you creative? Because it makes me feel alive.
So, und jetzt ihr. WARUM seid ihr KREATIV????

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5 Kommentare

Eingeordnet unter Das echte Leben

5 Antworten zu “Why are you creative?

  1. Weil der Wahnsinn in ein Form gebracht werden muß.
    😉

  2. in einE Form… sorry, nicht nur wahnsinnig, auch fiebernd…

  3. rene

    Wenn kreative Menschen nicht kreativ sein dürfen, implodieren sie.
    Vor ein paar Jahren bekam ich eine Buch in die Hand, das einem Künstler helfen soll, seine kreative Blockaden zu überwinden. Obwohl mir solche Hürden völlig unbekannt, schaute ich neugierig hinein und ließ mich auf diesen Kursus ein. Was dann passierte trieb mich fast in den Wahnsinn. Ich stürzte in einen absoluten Kreativ-Stress. Mir kamen selbst nachts im Traum die besten Ideen und ich musste mir Block und Stift nebens Bett legen. In meiner Not schrieb ich ganze Listen mit meinen Ideen, damit ich sie eines Tages realisiere, wenn mal Zeit ist…
    Irgendwann habe ich schließlich das Buch weggelegt, den Kursus abgebrochen. Aber hin und wieder schaue ich in meine Aufzeichnungen und inhaliere eine Dosis. 🙂
    Rene

  4. Ich habe 6 Jahre lang hinter der Bühne einer ähnlichen Produktion gearbeitet und ganz wertfrei für mich feststellen können: das ist nicht die Art, wie ich Theater machen möchte!

    Ich muß mir zwar auch nicht unbedingt bei Proben den Kopf heißdiskutieren, aber selbst eine „ganz normale Probe“ in einem „richtigen“ Theater hat mehr Kreativität als dieses „Du mußt präzise auf der 8 stehen, wenn Du den Satz sagst!“

    In dieser Zeit habe ich auch herausgefunden, daß ich ohne Kreativität depressiv werde… also: ich bin kreativ, weil es mich glücklich macht 🙂

  5. KK

    Du sprichst mir aus der Seele!
    Ich bin auf der Bühne um meinen Traum zu leben!
    Es macht mich glücklich!
    Und andere Menschen, das Publikum glücklich zu machen gibt einem ein unvergessliches Gefühl an Freude und Stolz!
    Fehler gehören dazu denn aus diesen lernt man – zumindest einige 😉 und von daher bin ich genau Deiner Meinung, solang keinem ernsthaft was passiert ist, d.h. Sprechfehler oder mal nicht im Licht stehen oder auch mal ein Lachen nicht unterdrücken können… das sind Dinge an die man sich gerne zurück erinnert und sagen kann, ich weiß wie ich diese Fehler nun umgehen kann!
    Auch Lob ist sehr wichtig in unserem Beruf. Das hat nichts mit Eitelkeit oder Einbildung zu tun, sondern es ist eine Bestätigung für die eigene Arbeit welche man gut geleistet hat. Und es hilft denen unter uns, welche vielleicht noch an sich Zweifeln, was kein Weltuntergang ist falls es so sein sollte. Wir wissen alle wie sehr der Konkurrenzkampf an einem nagen kann. Und um so schöner ist es. wenn dann in diesem Augenblick Kollegen auf einen zu kommen und sagen: Gute Arbeit!
    Es ist uns allen bewusst wie schwer dieser Beruf eines Künstlers ist. Ob es nun der Künstler auf der Bühne, hinter oder vor der Bühne ist. Das macht keinen Unterschied.
    Und da komme ich auch schon zum nächsten Thema.
    Ich bin die Künstlerin AUF der Bühne, dennoch heißt dies nicht für mich, das die KOLLEGEN (es sind Kollegen) welche hinter oder vor der Bühne arbeiten nicht zu respektieren sind. Nur weil diese sich am Schluss eines Stückes nicht verbeugen, gehören dennoch 50 % des Applauses denen. Ohne sie wären wir AUF der Bühne nämlich nichts!
    Theater beinhaltet ALLE Abteilungen, sonst wäre es kein Theater. Und das finde ich am Theaterleben, Künstlerleben so wunderschön! Wie viele verschiede Menschen ich in meinem Leben schon kennen lernen durfte und noch werde und vor allem nun zu meinen Freunden zählen darf kann mir keiner mehr nehmen und werde ich immer im Herzen bewahren!

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