Wunschkonzert

Ich hab so ein kleines Büchlein, in dem lauter Dinge stehen, wie ich in meinem Leben gerne noch tun würden. Gestern Nacht konnte ich wieder ein Häkchen hinter einen Wunsch setzen: Ich habe Chris Cornell live erleben dürfen. Chris Cornell, mit seiner ehemaligen Band „Soundgarden“ einer der Vorreiter des Seattle-Grunge-Geschehens hat mich durch meine Jugend begleitet und ist schon über die Hälfte meines Lebens einer meiner Lieblingsmusiker. Als seine Soloplatte „Euphoria Morning“ herauskam, wurde sie quasi zu meinem Lebenssoundtrack- ich habe keine andere Platte so oft gehört wie diese.
Zum Bondfilm „Casino Royale“ hat er den Titelsong beigesteuert, den ich persönlich zwar nicht so Bond-mäßig, aber dennoch dermaßen cool finde, dass ich ihn als „Rock/Popsong“ bei Auditions schmettere (irgendwie kennen den aber die wenigsten, ich ernte gerne mal verständislose Blicke, wenn ich den Titel nenne, aber singen darf ich ihn trotzdem, sei mal was anderes). Kurz und knapp- Hammertyp, wie ich finde, eine Stimme, die mich total anmacht und musikalisch definitiv was für meine Gehörgänge.
Der gute Mann hätte letztes Jahr schon im Fritzclub auftreten sollen, sagte dieses Konzert aber ab, weil er lieber mit Timbaland im Studio seine neueste Platte produzieren wollte. Okay, als ich das gehört habe, schluckte ich schwer- Timbaland ist einer der zur Zeit gefragtesten HipHop- und R&B-Produzenten, und dass ausgerechnet der und Herr Cornell was zusammen an den Start bringen würden- hätte ich nicht gedacht. Aber egal, ich bin offen für Neues.
Am 6. März kommt das Ergebnis dieser Zusammenarbeit in die Läden, das Konzert dafür war vorgestern Abend schon und DAS war ne Premiere für mich- ich habe noch nie ein Konzert besucht, bei dem ich keine Ahnung von den dort zu erwartenden Songs hatte. Und so wie mir ging es da allen- außer den Singleauskopplungen kannten wir nichts. Sowas kann gern mal ins Auge gehen, da man der Mensch an sich als Gewohnheitstier gern nur euphorisch auf das reagiert, was er kennt.
Wie man aber gleich erfahren soll, hat der Mann das exzellent gelöst.
Das Konzert fand im Columbia Club statt, in der Halle daneben waren Sisters of Mercy, sehr gut, man wusste anhand der Besucher sofort, vor welchen Eingang man sich zu stellen hatte. Einlass 20.00, Beginn 21.00, keine Vorband (sehr gut, ich mag Vorbands selten, muss ich zugeben). Aufgemacht wurden die Türen erst zehn nach Acht, das Publikum strömte, ich war total aufgeregt, trank schon mal ein, nein, zwei Biere, und als es Neun wurde, freute ich mich immer mehr.
Aber außer Rowdies war nix auf der Bühne zu sehen, außer Konservenmusik hörte man auch nüscht. Das Publikum bewies jedoch Geduld, die erst gegen halb Zehn verbraucht war- und zwanzig vor Neun war ich ehrlich gesagt auch ziemlich genervt, dass der Mann sich so ewig Zeit ließ, vor allem, weil keine Info rauskam, wo denn genau das Problem lag. Kurz bevor dann Plastikbecher flogen, betrat ein Mann die Bühne, mit dem irgendwie keiner gerechnet hatte: Wladimir Klitschko kam raus, erzählte uns, jetzt kommt Chris Cornell und seine neue Musik sei super und tanzbar. Und dann betrat the man himself die Bühne, das Publikum verzieh ihm sofort seine Unpünktlichkeit und freute sich.
Chris Cornell hatte nicht nur eine schöne Halle Berry- Gedächtnisfrisur, sondern auch eine supertolle Begleitband, mit der er sein komplettes neues Album an einem Stück ohne Pause spielte. Damit ja keiner in Verlegenheit kam wenig zu klatschen, weil er die Stücke nicht kannte. Klasse Übergange, ich muss ehrlich zugeben, ich hatte zuweilen sogar den Verdacht, dass da ein Halbplayback lief (was aber nicht der Fall war, an dieser Stelle ein Lob an die Tontechnik), ich war glücklich. Da ich bei großen Menschenansammlungen zu Panikattacken neige, postiere ich mich bei Konzerten immer eher mittig oder hinten, sollte ein Anfall kommen, bin ich dann schneller in Sicherheit- AUSSERDEM ist es für mich immer total interessant mitzuerleben, was Menschen auf Konzerten so machen.
Ich persönlich gehe ja hin, um Musik zu hören und so viel wie möglich von der Band zu sehen und mit anderen Fans zu feiern. Viele andere jedoch gehen aus mir unerfindlichen Gründen auf ein Konzert. Direkt vor mir zum Beispiel stand ein Typ, der zwei Drittel des Konzerts mit dem Rücken zur Bühne stand und auf seinen Begleiter einredete, ab und zu genervt den Kopf schüttelte und der Umwelt damit zeigte, wie wenig er von dem, was auf der Bühne stattfand, hielt. Ich dachte mir dauernd, warum ist der da?! Überall stand groß druff, neue Songs, neues Album, produziert von Timbaland, da kommt nichts, was man als CC-Hörer gewohnt ist- und mal ganz ehrlich, wenn man schonmal da ist, dann kann man sich doch auch einlassen, oder?! Gerade bei so einem Konzert, wo ich einfach unterstelle, dass der Mensch wegen der Musik kommt und sich somit auch im Vorfeld damit auseinandersetzt, dass es durchaus sein könnte, dass die Songs des noch herauszukommenden Albums gespielt werden. Da haben sich tatsächlich Leute drüber BESCHWERT!!!! Verständnislosigkeit meinerseits. Ich persönlich habe für mich entschieden, dass mir die Zusammenarbeit gut gefällt und ich die Platte besitzen möchte, aber ich höre auch nicht nur Alternative oder Grunge, fette Beats gefallen mir auch, vielleicht bin ich da nicht im Durchschnitt der typischen CC-Hörer, aber egal, jedem das Seine. Übrigens: Live haben mir die neuen Songs nochmal besser gefallen als im Radio/Fernsehen, ich hoffe, auf der Platte gibts da ein, zwei „Albumversions“ mit den fetteren Gitarren….
Nachdem CC sein Album vorgestellt hatte, kam dann der „Abrockteil“ des Abends, er hatte sich nämlich gedacht, dass das Publikum eventuell besänftigt werden wollte und packte nun Lieder seiner früheren Schaffenszeit aus- okay, auch ich bin eine Billboardbitch und freu mich tierisch, wenn ich auf nem Konzert mitsingen kann. Das für mich persönlich mit Schönste und zugleich Erschreckendste war der Fakt, dass sein erster Song nach der Stunde Album ausgerechnet „Black Hole Sun“ war. Das kam raus, als ich süße 16 war und hat mich erst so richtig zu „Soundgarden“ gebracht. Tief in mir drin hatte ich den eigentlich unerfüllbaren Wunsch, dass ich das vielleicht irgendwann mal live erleben dürfte- und als er mir erfüllt wurde, hatte ich tatsächlich Pipi in den Augen. Das Publikum um mich herum empfand wohl ähnlich, denn nun brach ein Sturm der Begeisterung los, der mir und sicherlich auch Chris Cornell nochmal deutlich zeigte, was die „Crowd“ von der ersten Stunde gehalten hatte: Scheiß auf Promo und neue Musik, wir sind hier um das zu hören, was wir kennen. Das hat mich erschreckt. Wenn ich ins Kino gehe, will ich (in siebenundneunzig Prozent der Fälle) nen Film sehen, den ich noch nicht kenne. Wenn ich in ein Konzert gehe, will ich dann nur Musik hören, die ich mitgrölen kann?! Ich war schonmal bei nem Backstreet Boys- Konzert, da ist sowas wohl Pflicht, aber ganz ehrlich, mal so unter uns- auf die Musik kommts da nicht so an, aber bei Chris?!
Ich fand es ultracool, was er alles noch gespielt hat, es war wie eine kleine Zeitreise durch die letzten zwölf Jahre, sogar „You know my name“ wurde mit einer Widmung an Klitschko gespielt und ich habe mitgesungen und mich gefreut- aber dauernd musste ich daran denken, dass der Typ auf der Bühne während seines bislang einzigen Deutschlandkonzerts von den Fans entgegengebracht bekommt, dass keine Sau sich für seine neuen Sachen interessiert und nur „olle Kamellen“ hören will.
Einer der Zuschauer meinte nach zehn Minuten Konzert, also ganz am Anfang, dass CC sicherlich schon dreißig Konzerte auf dem Buckel und somit keinen Bock mehr auf Spielen hätte, das würde man ihm deutlich anmerken. Ich war nicht seiner Meinung, ich kenne CC von keinem Auftritt (im Fernsehen und in Videos) als herumhüpfenden Irren, sondern schon immer mit einer Naturcoolness gesegnet, die man nicht mit Bocklosigkeit verwechseln sollte, aber gegen Ende des Abends habe ich mich echt für die Leute geschämt. Neben mir junge Typen, bei denen ich mich frage, wie DIE auf so ein Konzert kommen, die mit schlechtem französischen Akzent Obszönitäten Richtung Bühne riefen, der Beweggrund dafür ist mir ein Rätsel und wird es immer bleiben, zum Teil rotzbesoffene Typen, die ständig nur Songtitel schrien und wenn die nicht kamen, ein „F**k you“ hinterher losliessen- irgendwie habe ich meine Unschuld verloren, was das Musikverständnis der Deutschen angeht.
Ich habe damals in Seattle, wo ich als Austauschschülerin und später als Urlauberin war, ein paar Konzerte miterlebt, das Publikum dort war irgendwie anders- nicht so stur auf „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“ ausgelegt.
Um jetzt den größten Bogen der Welt zu spannen- ich mach mir jetzt so meine Gedanken. Ist das so, dass man speziell hier in Deutschland dermaßen abgestumpft ist, dass man nur Bekanntes haben möchte?! Irgendwoher müssen doch neue Trends kommen, warten wir da alle brav ab, was über den großen Teich kommt und finden es dann toll, weil es in Amiland ein Erfolg war?!
ABER: Ich habe Chris Cornell live erlebt. Ich kann meinen Ohren noch trauen und ich hatte trotz allem für mich ganz persönlich einen tollen Abend und habe saucoole Musik gehört. Noch fünf Tage bis zum CD-Release!!!!!!!

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Das echte Leben

2 Antworten zu “Wunschkonzert

  1. Schöner Bericht, Judith!
    Und, ja, leider denke ich, Du schätzt die Situation bzgl. deutscher Konzertgänger ziemlich richtig ein. Nicht alle, logo, aber sehr viele wollen tatsächlich das bekommen, was sie schon kennen. Sicherheit eben und nicht zu viel Auseinandersetzung mit Neuem.

    Zu ihrer Verteidigung muß man sagen, daß auch ich Tage kenne, an denen ich genau das haben will, was ich erwarte und manch einer geht eben auf ein KOnzert einfach zum Feiern und das geht halt am Besten mit bekannten Songs. Nicht umsonst werden ja in der Disco auch bekannte Sachen gespielt.

    Ich war vor Jahren mal auf einem Prince-Konzert im CCH in Hamburg. Die Karte damals kostete ein Vermögen, aber mein Traum war es halt immer gewesen, einmal Prince live. Er spielte dann eineinhalb Stunden Songs von seinen nur im Internet veröffentlichten Songs (damals war ja der Streit mit seinem Label), die teilweise sehr lang, sehr wirr waren und eben nicht dem „typischen Prince-Sound“ entsprachen. Mir gefiels, ABER ich hoffte auch inständig, daß noch ein paar bekannte Sachen kämen.
    Prince ist ja ne coole Sau und spielte dann also nochmal eineinhalb Stunden alle großen Hits. Inklusive „Purple Rain“ (was mein persönliches „Black Hole Sun“ ist). Insgesamt spielte er also über 3 Stunden. War geil.

    Ich glaube, wenn man nur einmal im Leben die Chance hat, einen Lieblingskünstler auf der Bühne zu erleben ist es auch legitim, sich die Songs zu wünschen, durch die man an ihn herankam und ihn lieben lernte. (Natürlich entschuldigt das nicht idiotisches und unhöfliches Verhalten.)
    Im Endeffekt wissen das die Künstler ja auch und spielen deshalb doch sehr oft erst neue Songs und dann am Ende wenigstens noch ein paar große Hits.

    Ich glaube also nicht, da Du Dir Sorgen machen mußt 😉 Chris Cornell wird die Reaktion des Publikums bestimmt richtig einschätzen können und nicht denken, daß kein Schwein seine neuen Sachen hören will.

  2. niels

    moin – möchte mich auf den kom. von bicola beziehen – ich war auch auf diesem prince konzert im cch — habe davor und danach auch schon ein paar prince-konzerte erleben dürfen — und habe mehrfachen vergleich, das cch-konzert von ihm war das GEILSTE prince konzert, von denen, dich ich besucht hab — maceo parker und candy dulfer als horn-section, wie geil is das denn??? die füllen sonst alleine säle und bei prince stehen sie bescheiden in der band – wow !!! und dermaßen hochkarätige musiker in der gesamten band – jazz vom feinsten – soul – blues – rock – pop – alles dabei, aber alles noch durch die genialen hirnwindungen des winzig kleinen prince gewandelt zu seinem einzigartigen stil — sooooooo toll.
    zwei konzert in der o2 arena in london zb waren dagegen fast langweilig… vorige konzerte in hamburg – hannover – lüneburg (!!!) waren allerdings auch sehr sehr fein – er ist ein reiner guter !!!

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