Selbstvermarktung?!?!

Ich gehöre zu den Menschen, die ihr Licht eher ausblasen, als es unter den Scheffel zu stellen. Wenn ich der Meinung bin, dass ich etwas gut gemacht habe und das auch noch ausspreche, dann habe ich sofort ein schlechtes Gewissen, man könnte dies als Hochnäsigkeit missverstehen. Gut, daran arbeite ich zur Zeit, zuweilen klappt es, dass ich voller Inbrunst sage „das kann ich“ oder „das hab ich sehr gut hingekriegt“, aber eben nur zuweilen. Immerhin packe ich es bei Vorsprechen und Vorsingen für fünf Minuten alle Selbstsicherheit der Welt auf meiner Seite zu haben, macht ne gute Ausstrahlung.
Jetzt stand ich aber vor einem für mich ganz neuen Problem: Ich habe im September einen, also den ersten Auftritt mit meinem Pianisten. Für die Webseite des Cafés wurde ein kurzer Werbetext sowie eine Minibiographie verlangt. Ich bin nicht allzu dämlich, was Texte schreiben angeht, der Werbetext flutschte sozusagen. Dann aber kam ich zu meiner Bio. Was schreibt man da rein, damit die Leute denken, man sei so toll, dass man gehört werden sollte, ohne dass man klingt,
a) als hätte man es nötig
b) als würde man das Blaue vom Himmel herunterlügen (gibts auch)
c) als wäre man dermaßen genial, dass man eigentlich schon lang in der Carnegie Hall wochenlang den Saal füllt- okay, gehört zu b…
d) als unterläge man einer Selbstüberschätzung, die nicht mehr heilbar ist?
Zu Lehrzwecken führte ich mir einige Kurzbios sowohl mir bekannter als auch unbekannter Kollegen zu Gemüte. Zu den unbekannten kann ich wenig sagen, zum Teil waren sie dermaßen nett und witzig geschrieben, dass ich mir vier Auftritte vorgemerkt habe und hoffe, dass das Vorgetragene dem Geschriebenen nahe kommt.
Bei den mir bekannten Kollegen fiel mir vor allem eines auf: Je weniger sie „vorzuweisen“ hatten, desto länger war der Text. Es wird auch gerne jeder Gesangs- und Schauspiellehrer aufgeführt, bei dem man Unterricht hatte, meist sind das Namen, mit denen ich nichts anfangen kann, aber gleich denke, wow, wenn die erwähnt werden, sind die sicher unglaublich bedeutend. Oder man stand schon mit Größen auf der Bühne und unterschlägt, dass man im Ensemble in einer der vier Vorgruppen war und die erwähnte Größe nicht einmal was von der Existenz von sich weiß. Macht einen das besser? Warum macht man das? Kommen dann tatsächlich mehr Leute? Abgesehen davon, dass ich mir nicht sicher bin, ob die breite Masse was von Lauren Newton oder Charles Höllering gehört hat, die ich jetzt zum Beispiel vorzuweisen hätte, bin ich einfach nicht fähig mich selbst zumindest in einer Kurzbio so gut zu verkaufen. Mein Lebenslauf ist weder beschönigt noch teilweise erlogen, war ja auch schon mal Thema in einem anderen Blog, und wenn ich zu einem Vorsingen gehe, werde ich von der Selbstsicherheit anderer teilweise echt erdrückt. THEORETISCH weiß ich, was ich kann- das PRAKTISCH umzusetzen bereitet mir Darmdrehen.
Auf der Bühne habe ich all diese Schwierigkeiten nicht, da bin ich total in meinem Element und mache mir keine Gedanken, wie was ankommen könnte, weil mir die pure Unterhaltung am Herzen liegt und ich sie mit ebendiesem ausführe. Aber eine Biographie schreiben, die dazu führen soll, dass man mich hören will?! Meine Selbstvermarktung bedarf der Schulung. Das ist ein Punkt auf der Tagesordnung meines Berufes, den ich noch nie mit einem Häkchen als „erledigt“ versehen konnte. Wieso war das kein Unterrichtsstoff an der Schule?
Ich hab nen Text fabriziert. Ohne Namen, ohne Stücke, kurz und knapp. Brrr, böses kaltes Wasser!!!!

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6 Kommentare

Eingeordnet unter Das echte Leben

6 Antworten zu “Selbstvermarktung?!?!

  1. Liebe Judith,
    ich kann wieder einmal nichts hinzufügen…ich saß stumm grinsend und immer wieder nickend vor deinem Text…
    vor allem, das mit dem „je weniger sie vorzuweisen hatten, desto länger war der Text“.
    Ich gebe zu: Ist mir auch schon passiert…denn wenn man eh noch nicht viel gemacht und alles gleich unbedeutend ist…welches von den unbedeutenden Dingen soll man weglassen?????

    Würde ja gerne mal deine Bio lesen, die letztendlich entstanden ist! Und: Ich finde, es ist eine Überlegung wert genau diesen Blogtext neben deine Kurzbio ins Programmheft zu drucken 😉

  2. Liebe Anne,

    das kannste haben… Hier also mein Erguss:
    „Judith Schäfer, geboren in der Nähe von Stuttgart, ist mit Jazzklängen aufgewachsen.
    John Coltrane, Ella Fitzgerald, Charles Mingus und Eric Dolphy haben sie in den Schlaf gewiegt, was blieb ihr also auch anderes übrig als selbst diese Musik zu singen?!
    Da ihr das aber nicht gereicht hat, beschloss sie auch noch Theater zu machen und absolvierte eine Ausbildung zur Bühnendarstellerin in Hamburg. Ihr Weg führte sie über Hamburg, Stuttgart, Füssen und Zürich nach Berlin, wo sie seit 2007 lebt und arbeitet.
    Judith kann sich einfach nicht entscheiden, was sie am liebsten macht- also macht sie einfach alles: Sie singt, spielt, singt und spielt und wenn das noch nicht reicht, bringt sie auch noch andere zum Spielen.“
    Wird irgendwie nicht besser, egal, wie oft ich es lese….

  3. Huhu Judith!

    Zwei sachen:
    erstens- klappern gehört zum geschäft!
    ich bin auch nicht gut darin, aber tun muß man es trotzdem, auch wenn es einem zuwider ist.
    macht auch sinn, daß man je bekannter man ist, desto mehr weglassen kann, weil: es kennt einen ja eh jeder!

    zweitens- ein tipp von mir, den ich auch schon selber angewendet habe für das pressematerial von meinem liederabend. laß deine bio von jemand anderem schreiben. gib ihm alle infos, vita, etc. und er/ sie soll was draus basteln. dann kannst du immernoch sagen, was wieder raus soll und was noch unbedingt rein muß. klappt gut. man muß sich nicht selbst beweihräuchern und oft liest es sich total flüssig.

    p.s.: ich finde deine bio jetzt aber auch nicht so schlecht. 😉 kannst du so auch drucken lassen!

  4. Alexandra Gerull

    Hi Judith,

    kannich total nachvollziehen, diese Schreibblockade. aber ich finde den Text, so wie Du ihn hast, schon mal ganz okay. Über den letzten Absatz würd ich nach mal nachdenken. Alles andere erzählt mir ne deutliche Persönlichkeit.

  5. Ich kenne das Problem auch nur allzugut! Mir haben zwei Sachen geholfen:
    Ich habe versucht, Abstand zu mir zu nehmen und mich gefragt, welche Informationen den Zuschauer (denn für den ist dieser Text ja) interessieren könnten?
    Das sind die einfachen Informationen: „woher kommend?“, „was gemacht?“ vielleicht möchte ja jemand auch nur klarstellen, ob er Dich schon mal gesehen hat?
    Und: es ist die einmalige Gelegenheit zu steuern, welche Informationen man über sich preisgeben möchte ;-)!

    „Name-Dropping“ hat nur dann Sinn, wenn diese Namen auch allgemeinhin bekannt sind… und das ist ziemlich selten der Fall.

    Deinen Text finde ich gut. Ich würde zwei Dinge ändern: das „noch“ in „… auch noch Theater zu machen“ klingt ein bißchen zu sehr nach einem genervten: „macht sie das jetzt auch noch!“ und den vorletzten Satz würde ich verknappen und flüssiger gestalten, vielleicht „Da sie sich nicht entscheiden kann, was sie am liebsten macht, tut sie einfach alles: ….“ aber das sind nur Vorschläge, wie geschrieben: der Text ist in Ordnung!

  6. Liebe Kollegin,

    abgesehen davon, dass das Dilemmma zwischen dem wissen, wie’s geht und dessen erfolgreicher Umsetzung eine Lebensaufgabe ist, mit der Du zwar nicht alleine da stehst, die aber bedauerlicherweise recht alleine erledigt werden muß, wenn’s drauf ankommt, finde ich Deinen Text sehr gelungen. Er klingt persönlich, frisch und nicht überfrachtet. Wen würde in diesem Kontext schon interessieren unter wessen Regie Du annodazumal in welchem Theater aufgetreten bist? Das geboren in Stuttgart könntest Du sogar noch streichen. Ansonsten, sehr stimmig, der Streifen!

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