„Ist das Kunst?“ – „Nein, es macht Spaß.“

Letzten Freitag hatte ich meine sechste Premiere innerhalb von acht Wochen. „Hossa“, eine 70er Jahre- Schlagerrevue. Das Publikum hat getobt, wir sechs Darsteller waren mehr als glücklich und zufrieden und ich freue mich schon auf die nächsten Vorstellungen, von denen es leider, leider nicht allzu viele geben wird.
Alle Premieren liefen super, und das trotz Dauermüdigkeit, Kiefernhöhlenentzündung und Nebenhöhlenentzündung zwischendurch (im Januar wird die Nase ausgeräumt, bis dahin muss ich den Viren eben anders trotzen…), momentan sitze ich mit einer Stimmbandentzündung daheim und kann nach acht Wochen einfach mal nichts- in Worten: nada- tun, und ich habe kein schlechtes Gewissen, sondern genieße es den ganzen Tag nur vor dem Rechner oder dem Fernseher oder meinem CD-Regal zu hocken. Jetzt habe ich auch Zeit zu reflektieren.

„Hossa“ erzählt weder eine Geschichte noch regt es den Zuschauer dazu an über irgendetwas nachzudenken, es soll schlicht und ergreifend zwei Stunden Freude bereiten (und das tut es, wir müssen nicht mal selbst singen, weil das vom Publikum übernommen wird). „Non(n)sens“, in dem ich die Schwester Amnesia spiele, erzählt weder eine Geschichte noch verleitet es den Zuschauer zu irgendeiner Selbstreflektion, er soll sich zwei Stunden einfach köstlich amüsieren. Meine Kinderstücke sind zwar Mitmachstücke für Kinder, bei denen sie ein Lied lernen, aber die Kleinen haben gern schon nach fünf Minuten irgendwas Neues im Kopf, was sie die vorherige Zeit vergessen lässt. „Sound Sugar“ macht Musik, die die Zuhörer bewegen soll.
Jedes dieser Projekte macht mir Spaß. Ich darf meinen gewählten Beruf mit Erfolg ausüben, ich vergieße Schweiß auf der Bühne, der die Oderflut simulieren könnte, ich habe mehr als drei Monate geprobt und dann –

Die Frage in der Überschrift wurde mir allen Ernstes von einem Schauspieler gestellt, der „Musical“ nicht ernst nimmt, da man ja dort grundsätzlich nichts auf die Bühne bringt, was Tiefgang hat (hüstel). Die Antwort war die meine. Und ich bin nach wie vor stolz darauf, denn die hat ihm das Mundwerk gestopft.
Vielleicht bin ich allein auf weiter Flur, wenn ich behaupte, dass Gesang, Tanz und Schauspiel erst durch solides Handwerk professionell werden, weil dadurch Kunst wiederholbar gemacht wird. Aber ich behaupte auch, dass all das, was ich als Komödiantin oder Musicaldarstellerin auf kleinster Bühne stemme, gefälligst als Kunst anzusehen ist. Kunst ist nicht nur den Shakespeares, Schillern, Beethovens, Dalís, wem auch immer vorbehalten; auch die leichte Unterhaltung gut zu präsentieren erfordert KUNSTFERTIGKEIT. Und mir macht es dazu noch einen Riesenspaß. Ohr abschneiden is nich.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Das echte Leben

7 Antworten zu “„Ist das Kunst?“ – „Nein, es macht Spaß.“

  1. Ragna

    Ketzerisch könnte man jetzt trotzdem anmerken, dass es nicht umsonst eine Unterscheidung zwischen „Kunst“ und „Kunsthandwerk“ gibt. Wobei ich damit nicht in so bescheuerte Kategorien wie u&e oder Musical und Oper aufteilen will. Du hat völlig Recht: Die Basis für Kunst ist gutes Handwerk. ABER: Handwerk ist nicht gleich Kunst. Kunstfertigkeit auch nicht. Und wenn Rex Gildo auftritt, sorry, das finde ich auch weit von Kunst entfernt. Womit ich jetzt nichts und auch gar nichts über deine Premieren gesagt haben möchte, denn die habe ich ja nicht gesehen!!! Nur über die Theorie!

  2. Was ist eigentlich Kunst? Mal so richtig ketzerisch gefragt? Darf ich mich denn überhaupt Künstlerin nennen? Und wieso ist das so wichtig?

  3. Hm…also wenn ich an Vorurteile gegenüber Musical nachdenke, bzw. es um Kunst oder Nicht-Kunst geht, so fällt mir immer wieder auf, dass Kunst eben als wertvoll angesehen wird, und Nicht-Kunst eben nicht.
    Insofern ist einfaches Unterhaltungsmusical eben nicht künstlerisch wertvoll, sondern macht, wie Judith richtig schreibt, einfach Spaß.
    Wobei es ja doch VIELE Musicals gibt, die weit entfernt vom Unterhaltungsmusical sind…leider ist das Unterhaltungsmusical eben das, was viele Menschen in deutschen Raum nunmal in einem Musical sehen wollen, weswegen sich eine Stage Entertainment und auch viele kleine Theater auf genau diese stürzen.

    Ich persönlich finde einfach, dass alles was auf der Bühne passiert emotional bewegen soll. Und ja: Auch ein Happy-peppy-gute-Laune-Musical kann bewegen: Zu Fröhlichkeit, Motivation etc.
    Und das ist es doch, was jeder Zuschauer von einem Theaterabend mitnehmen möchte, oder? Emotion- egal in welcher Art- jedenfalls geht es mir so.
    Und ich halte eben das für extrem wertvoll- und deshalb ist es gut!

    Schlussfolerung: Nur weil etwas keine Kunst ist, heißt das noch lange nicht, dass es nicht trotzdem wertvoll sein kann und sich seine Daseinsberechtigung verdient hat!

    Und ja: Das KunstHANDWERK braucht man sowohl für die Kunst, als auch für die Nicht-Kunst. Allein deshalb ist beides wertvoll. Wie kann etwas nicht wertvoll sein, wenn man Arbeit, Schweiß, Emotion und Liebe hineinsteckt?!

    Amen 😉

  4. Es bedarf der Kunstfertigkeit, um Kunst entstehen zu lassen. Der Satz kommt nicht von mir, den hab ich von meinem alten Gesangslehrer geborgt.
    Ich hab anscheinend noch nie bewusst Kunst gemacht. Ist das denn erstrebenswert?

  5. Ach so, und was genau ist künstlerisch wertvoll? Wenn jetzt jemand „Mozart“ sagt, dann soll er sich mal die Geschichte von den Stichen erzählen lassen…. Vielleicht kann man erst Jahrhunderte später erfassen, was Kunst ist?

  6. Ich halte es mit Josef Beuys: „Kunst entsteht im Auge des Betrachters“.

    An anderer Stelle schrieb ich schon darüber, wie wenig Freude mir Theater derzeit macht. Zur Zeit würde ich mir lieber eine Woche „Hossa“ ansehen, als noch eine halbe Stunde „William Ratcliff“ ertragen zu müssen.
    Das liegt daran, daß nichts schwieriger ist, als Menschen zu unterhalten und sie zu fesseln. Zum Glück will die vermeintlich leichte Muse (die nur dem Betrachter leicht erscheint) genau das.

    Aus eigener leidvoller Erfahrung mit Kollegen, die sich Musical Darsteller nennen muß ich allerdings sagen: es gibt wenige, die spielen können. Das ist in den großen Musicals der SE nicht gefordert (auch wenn die Ausschreibungen etwas anderes behaupten) und kann von Regisseuren, die die deutsche Sprache nicht beherrschen und so inszenieren, „wie es schon am Broadway war“ auch nicht geleistet werden.

    Die anspruchsvolleren Musicals sieht man in Deutschland nur selten. Vielleicht weil es nicht in unserer Tradition liegt? Oder weil es an intelligenten Kunze-freien Übersetzungen mangelt?
    Statt allerdings immer nach Amerika zu schielen, was dort alles Tolles läuft, denke ich manchmal ketzerisch, warum nicht mal was deutsches wagen? „Heiße Ecke“ ist ein Schritt in die richtige Richtung.

  7. Ragna

    Ob Kunst machen erstrebenswert oder wichtig ist, das kann ja nur jeder selbst entscheiden, oder? Man kann sehr glücklich und zugleich auch noch der Welt dienlich sein, wenn man sein Leben lang nur stur Autobahnbrücken baut, und andere möchten eben Hundertwasserbauten entwerfen und bauen und sind damit wiederum einer anderen Klientel dienlich. Beides super.
    Für mich ist der Unterschied zwischen Kunst und der sehr guten Ausübung von Handwerk die Überhöhung, der Einsatz der Mittel um etwas Übergeordnetes, nicht von jedem Erzeugbares, von besonderer Bedeutung und von nicht logisch erklärbarer Gesetzmäßigkeit zu erstellen. Und da das oft voll in die Hose geht, das ist nämlich auch ein wesentliches Merkmal von Kunst: Risiko, ist es dann sehr gut, wenn es wenigstens von brauchbarem Handwerk unterfüttert ist! Ich versuche mich gemeinhin an der Kunst, aber wenn ich dann merke, dass ich es diesmal nicht schaffe, bin ich heilfroh, dass ich mich zumindest auf mein Handwerk zurückziehen kann!
    Aber im Übrigen finde ich, mit Genres hat das überhaupt nichts zu tun. Natürlich kann und SOLLTE UNBEDINGT z.B. Musical Kunst sein! Bitte mehr davon! Das sehe ich viel zu selten!!! Wer da hingeht und sagt, Musical ist doch eh keine Kunst, gehört mal richtig doll in den Hintern getreten! Das ist doch einfach nur ignorant.

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