Die Grausamkeit der Liebe

Welch theatralischer Titel. Aber so geht es mir gerade.

Ich konnte mich lange nicht überwinden über die schönen Dinge in meinem Leben zu schreiben, weil mein Pflegevater nach kurzer und schwerer Krankheit (so heißt es doch immer so schön) gestorben ist. Ich trauere zum ersten Mal in meinem Leben um einen Menschen, den ich heiß und innig geliebt habe und der mich mit zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin. Krebs ist scheiße. Dass er weg ist, ist scheiße. Dass ich ihn kennen durfte, war großartig.

Ich habe gelernt, dass Trauer der Preis von Liebe ist. Es ist diesen Preis wert. Ich hoffe, dass diese Phrase irgendwann mal in meinem Herzen ankommt, weil ich nach über einer Woche noch immer Tränen in die Augen bekomme und es zum Kotzen finde, dass ich ihn nie wieder sehen darf. Er hat mir das Schnürsenkelbinden beigebracht und mit mir schriftdeutsch gesprochen, so dass mein Schwäbisch kein Hinderungsgrund für meinen Berufswunsch war. Er war mein zweiter Papa und mein dritter Opa. Ach Mensch, jetzt heule ich schon wieder.

Ich kann nicht eine Geschichte erzählen, in der ich Streit oder Ärger mit ihm hatte. Ist das nicht besonders? Besonders schön auf jeden Fall.

 

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Das Leben ist schön!

2 Antworten zu “Die Grausamkeit der Liebe

  1. Carolin

    Judith,
    das tut mir einfach nur sehr sehr leid.
    Und doch hast du recht, es ist etwas besonders Schönes, sich an einen so geliebten Menschen und alles, was dich mit ihm verbindet, zu erinnern.

  2. Liebe Judith,

    Wenn ein Elternteil stirbt und man selbst noch dazu noch eher jung ist, steht die Welt Kopf. Du hast wahrscheinlich kaum jemanden so lange gekannt und so nah bei Dir gehabt wie Deine Eltern. Wie solltest Du nach einer einzigen Woche verpackt haben, dass einer von ihnen nie wieder dabei sein wird, wenn Ihr Weihnachten feiert, Ostereier sammelt und Familienklönschnack macht; dass Du nie wieder anrufen wirst und die wohlhochdeutsche Stimme Deines Pflegevaters hörst und nie wieder all seine Besonderheiten erlebst, die Dir bislang womöglich nicht einmal aufgefallen sind?

    Als mein Vater vor drei Jahren im Alter von 58 Jahren starb, habe ich in der ersten Zeit nicht einmal viel geweint, so surreal war die Endgültigkeit. Dass Du jetzt trauerst und weinst, ist gut und heilsam. Wahrscheinlich wirst Du in den kommenden Jahren immer wieder denken „Wie hätte Papa das wohl gefunden? … Papa hätte sich totgelacht … Den hätte Papa kennenlernen müssen“. Du wirst ihn mitdenken, immer wieder. Tot, hat olle Brecht mal gesagt, ist ein Mensch erst, wenn niemand mehr an ihn denkt. Und mit was? Mit Recht.

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