Bin ich Mensch oder Mitglied?

Nach einiger- ziemlich ereignisreicher- Zeit sitze ich wieder mal vor meinem Blog. Eigentlich wollte ich eine ellenlange Entschuldigung darüber schreiben, dass ich mein Projekt „Das Leben ist schön!“ so sang- und klanglos habe im Sand verlaufen lassen, aber dann bin ich auf einen Entwurf gestossen, den ich im September 2012 geschrieben habe. Warum ich ihn nicht veröffentlicht habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr. Beim heutigen Durchlesen fand ich ihn jedoch veröffentlichtwerdenswert (ist das ein Wort oder eine Krankheit?), auch wenn meine Lebenssituation sich in der Zwischenzeit wesentlich verbessert hat.

Nichtsdestotrotz ist hier der Blogbeitrag, den ich am 22.10.2012 als Entwurf gespeichert habe:

„Ein Thema, das mich seit längerem sehr beschäftigt, ist das folgende:

Wir Menschen kommen auf die Welt, OHNE dass uns irgendjemand vorher gefragt hat. Wir werden in verschiedene Staatsformen hineingeboren, von denen ich persönlich bisher umfassend und aus diversen Perspektiven die des deutschen Staates erleben durfte. Dafür bin ich nicht undankbar. Hätte ich es mir aussuchen dürfen- aber was solls, hätte der Hund nicht gekackt, hätte er den Hasen gefangen. Ich bin jetzt 34 Jahre alt und habe in meinem Leben viel erfahren und wurde in letzter Zeit professionstechnisch weniger gut behandelt. Vom Leben, nicht zwingend von Menschen. Um genau zu sein: Mir wird das Gefühl vermittelt, dass ich kein genügendes Mitglied der Gesellschaft bin. Ich verdiene zu wenig um komplett auf eigenen Beinen zu stehen, die Steuern, die ich bezahlt habe, sind bereits für drei Schlaglöcher draufgegangen, die schon wieder neu versiegelt werden müssen und meine Bestrebungen mich ernähren zu können werden nicht so richtig von Erfolg gekrönt. Immer nur fast. Fast reicht nicht. Ich bin weder faul noch dumm, ich suche nach neuen Möglichkeiten, aber das zählt nicht. Was zählt, ist sozialversichert. Mir als Abitursinhaberin wurde nahegelegt einen Kurs zu machen, in dem ich meinen Hauptschulabschluss nachmachen könne. Wozu, frage ich mich und die Welt? Macht mich das zu einem besseren Gesellschaftsmitglied? Bin ich dann was wert? Macht es den Wert eines Menschen so sehr aus, wie er finanziell gesehen dasteht?

Ich hab auch meinen Stolz, aber ich finde ihn leider nicht mehr. Ich fühle mich klein und unfähig, eigentlich sogar wie ein Schmarotzer, der zu Lasten der Welt vor sich hin existiert. Ich bin nicht die einzige, die sich so fühlt. Aber ich kennen niemanden, dem es so geht wie mir, weil jedes Mal, wenn ich das anspreche, andere Themen gefunden werden. Oder man versucht mir zu erklären, wie ich effizienter sein könnte. Ganz im Ernst: Wenn mir in den nächsten Tagen jemand das Wort Effizienz ins Gesicht sagt, reisse ich ihm das Herz heraus, mache Ragout draus und serviere es mit seinen Augäpfeln als Beilage. In Blutsoße.

Ich lese in vielen, wirklich guten und mit Herzblut geschriebenen Blogs darüber, wie ich mich besser verkaufen kann, wie ich meinen Marktwert steigere, wie ich mein Zeitmanagement optimiere, wie ich Geld machen kann, wie ich mich noch besser bei Bewerbungen verkaufen kann, wie ich mich nicht verstelle und trotzdem gut ankomme, wie ich den perfekten Teint hinbekomme, was ich tun muss, damit Caster mich einladen, wie ich mich bei einem Casting noch besser präsentiere, wie ich erfolgreich abnehme (HA!), wie andere Menschen „es“ geschafft haben. Was ist „es“ und warum will das jeder erreichen?

Ich scheine wider Erwarten nicht staatsfähig zu sein. Ich versuche mich nach diesen Vorschlägen zu richten und kacke dennoch regelmäßig ab. Und jetzt bin ich an dem Punkt, wo ich einfach nicht mehr möchte. Nein, nicht, dass ich mich vom Balkon stürze, die Zeiten sind vorbei, aber ich bin doch in allererster Linie ein Mensch. Und kein Mitglied. Ich bin doch auch wertvoll, wenn ich gerade mal kein Glück im Beruf (in welchem auch immer) habe.

Ich schreibe hier die ganze Zeit in der Ich-Form, aber ich bin überzeugt davon, dass es außer mir noch mehr gibt, die so denken. So zu denken ist anstrengend. Ich arbeite an einer nicht-kannibalistischen Lösung. Wer Ansatzvorschläge hat, möge sich melden.

Ich wäre nicht ich (ganz persönlich ich, hundert Prozent Judith Dorothea Johanna Schäfer), wenn ich diesen Beitrag so defätistisch enden lassen würde. Ich glaube an mich. Ich glaube an meinen Wert, ich glaube daran, dass das Leben seine hässliche Fratze wieder abnehmen wird. Menschen interessieren mich, und wenn es mir persönlich egal ist, wieviel im Geldbeutel von anderen Menschen ist, dann gibt es noch viele andere, denen es so geht.

Hiermit ein virtueller Drücker an all diejenigen, die sich schlecht fühlen und ihren Wert suchen. Wert geht nicht verloren. Wertvoll sein bedeutet so unsagbar viel mehr als erfolgreich in Zahlen zu sein. Das Leben ist kein Arschloch, es hat nur manchmal Hormonschwankungen.“

Inzwischen habe ich eine Arbeitsstelle gefunden, die mir sehr viel Spaß macht, mich finanziell unabhängig sein lässt und mir außerdem die Möglichkeit gibt meinen „eigentlichen“ Beruf – nämlich den der Darstellerin- dennoch in kleinerem Rahmen auszuüben. Das hat mein Selbstwertgefühl enorm angehoben; aber ich werde nicht so schnell vergessen, wie es mir sehr, sehr lange Zeit nicht gut ging, weil „man mich nicht haben wollte“. Ich habe beschlossen mich erstmal nicht um jeden Preis der Welt bei jedem Theater und jeder Bühne und jedem Casting zu melden, weil das große „P“ auf meiner Stirn drohte sich für alle Zeit dort einzubrennen- ich bin jetzt ein glücklicher Mensch, weil ich mir keine Gedanken mehr um mich als Mitglied machen muss.

Deshalb gehört dieser Beitrag auch in die „Das Leben ist schön!“- Kategorie- ich genieße ein Hoch nach einem langen, langen Tief. Wenn das Leben wieder rumzickt, kann ich mich auch an diese Hoch-Zeit erinnern.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Das echte Leben, Das Leben ist schön!

Eine Antwort zu “Bin ich Mensch oder Mitglied?

  1. Indeed. Wir sind aufgewachsen in einer Welt Mensch gewordener Büroklammern, wo die Voraussetzung für Selbstbestimmung leider darin besteht, dass man den Ansprüchen der kommerzialisierten Marktwirtschaft nachkommen kann und will. Ich bin auch nicht gemacht für diese Welt. Weder möchte ich meinen Lebenswandel in die Formulare irgendwelcher Behörden pressen müssen, noch bin ich kaufmännisch talentiert genug, um meinen Projekten wirklich Marktwert zu verschaffen. Businesspläne, Kalkulationen, Buchhaltung, die Unübersichtlichkeit der als freelancer zu bewältigenden Aufgaben überfordern mich, obwohl ich wie Du nicht grenzdebil bin und den Kram eigentlich können müßte. Die Alternative – irgendwo mitmachen, wo andere sich um die Vermarktung kümmern – ist als Künstler damit verbunden, öfter abgelehnt als willkommen geheißen zu werden. Und ja, auch das kann demoralisieren. Mich nervt auch diese Erwerbsdenke, die den Wert einer Arbeit an kommerziellen Gewinn und den Wert eines Künstlers an seine Prominenz knüpft.

    Ich habe keine Lösung. Für mich persönlich gibt es zum hauptberuflichen Schaffen als Schauspielerin keine Alternative. Nichts könnte mir ersetzen, was mir diese Arbeit gibt. Es gibt nichts, womit ich mich vergleichbar ausdrücken kann. Mit nichts kann ich mich vergleichbar identifizieren. Dazu kommt, dass Künstler irgendwie die einzigen Menschen sind, in deren Gegenwart ich mich nicht als Sonderling fühle. Deshalb halte ich den Druck und die Existenzangst lieber aus, als zu viel Lebenszeit an eine Welt zu verschwenden, die mir nicht entspricht.

    Positiv gesprochen empfinde ich es als großen Luxus, einfach das zu tun, wofür ich morgens aufstehe. Auch wenn es kürzere Phasen gibt, wo kleine Nebenjobs nötig sind oder Mama angepumpt wird, erscheint mir das weniger zermürbend als die Vorstellung eines Lebens, das mich zur Sklavin der materiellen Sicherheit macht. Ich finde Existenzangst nicht schön. Wenn aber der Preis für ihre Abwesenheit der weitgehende oder komplette Verlust meines Lebensinhalts ist, macht die erwirtschaftete Materie irgendwie auch keinen Sinn mehr.

    Ich danke Dir sehr für das Teilen Deiner Gedanken. Und ich glaube, unser (Selbst-)Wert ist nicht primär da, wo wir Erwartungen erfüllen, sondern da, wo wir wir selbst sind und als wir selbst unseren Platz einnehmen.

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