Mein Körper und ich

Da ich über Themen schreibe, die mich innerlich sehr bis mittelschwer beschäftigen, muss endlich auch mal dieses Thema sein. Öffentlich. Schonungslos. Mit gehemmten Fingerspitzen betätige ich meine virtuelle Tastatur, um nicht sofort auf den Punkt kommen zu müssen. Leichte Einleitungssätze kommen mir ob des schweren Themas nicht über die Kuppen. Welch grandioses Wortspiel.
Genug der Umschiffung. Ich bin eine dicke Frau. Ich bin nicht fett, ich bin nicht mollig, ich bin nicht vollschlank (wer auch immer dieses beschissene Wort erfunden hat, gehört zwangsgestopft- wasn das für n Scheiß? Und was ist dann leerschlank?), ich bin nicht voluminös. Ich bin dick. Nach meiner Definition.
Wenn ich meinen BMI berechnen würde, stände da wahrscheinlich „adipös“. Das bringe ich immer sofort mit Adidas in Verbindung, vollkommen falscher Weg. Ich habe rund 25 Kilo mehr Gewicht als ich haben sollte. 100 Butterstückchen. Vielleicht auch nur 20 Kilo, man weiß es nicht.
Ich habe also mit dem Thema Dicksein Erfahrung. Auch mit ein paar Diäten kenne ich mich aus, den Jojo-Effekt gibt es anscheinend wirklich, ich hatte mal eine Schilddrüsenunterfunktion, die hat sich aber zum Glück verwachsen und ich trage am allerliebsten Säcke.
Ich war schon als Kind nicht dünn. Als Baby war ich normalmopsig, extrem fit und fidel (Euphemismen für wirklich anstrengend. Wirklich.); ich kann den genauen Zeitpunkt, wann mein Körper begonnen hat zu viel Masse mit sich herumzuschleppen, nicht wirklich bestimmen. Aber ich habe Essen schon immer geliebt. GELIEBT. Vor allem Süßes, da bin ich ganz der Papa.
Natürlich blieb es nicht aus, dass mein Übergewicht Thema in meiner Familie wurde. Ich kann mich an sehr, sehr viele Aussagen erinnern, die sehr, sehr geschmerzt haben. Ich hab die beste Familie, die ich habe kriegen können, aber nur so als Memo für Außenstehende: Sagt eurem pubertierenden Kind nicht, dass es schon nicht mehr schön sei, wie fett es ist. Das hallt lange und schmerzvoll nach. Und wenn ihr das schon getan habt, hört auf mit den Dickenkommentaren und sagt dem Kind einfach mal ab und zu, wie schön es sei. Das heilt diese Wunde. Egal, wann ihr damit anfangt. Weiß ich aus Erfahrung, meine Wunde ist komplett geheilt und wird trotzdem weiterhin sehr liebevoll nachbehandelt.
Neulich habe ich mit einer sehr coolen und tollen Frau über meine Figur geredet. Ich habe ihr geschildert, dass mein Gewicht ein Problem für mich sei. Sie fragte mich, warum. Ich konnte diese Frage nicht beantworten. Mit etwas mehr Gestammel als sonst üblich versuchte ich zu formulieren, dass es mir seit geraumer Zeit ans Herz gelegt würde abzunehmen,wegen des Jobs, weil ich doch „eigentlich“ so schön sei, wegen der Gesundheit. Sie fragte mich, ob mein Gewicht meine Gesundheit beeinträchtige. Das konnte und kann ich verneinen; meine Blutwerte sind tipptopp, mein Körper wird von mir muskeltechnisch so in Schuss gehalten, dass er das Fett problemlos tragen kann, ich wohne im fünften Stock ohne Aufzug und komme lebend und im Vollbesitz meiner körperlichen Kräfte oben an. Sie fragte wieder, warum mein Gewicht ein Problem für mich sei. Und da ist es mir, nach so vielen Jahren, zum ersten Mal so wirklich aufgefallen: Ich hab keine Ahnung. Ich weiß es nicht.
Seitdem beschäftige ich mich gedanklich bis zur hirnischen Erschöpfung damit. Will ich dick sein? Macht mir, mir ganz persönlich dieser Körper etwas aus? Hab ich mich eigentlich schon mal mit meinen eigenen Augen betrachtet und nicht mit denen von anderen?
Ich lebe mit unzähligen anderen in einer Welt, die den Körper zur Waffe macht. Kein Thema ist so unerschöpflich wie das Aussehen von Menschen. Vor allem das Gewicht. Man wird davon geradezu erschlagen, ob man will oder nicht. Und es ist so doppelzüngig! Auf der einen Seite wird mit großen Lettern auf der Titelseite von der wahrscheinlichen Magersucht von Promi A berichtet und auf Seite 3 sieht man zwei Fotos von Promi B, einmal ein paar Kilo schwerer, und NATÜRLICH sieht Promi B in Kleidergröße „nicht vorhanden“ um so vieles besser als als in Kleidergröße 38. Pfui.
Wir sind darauf trainiert worden uns die Vorstellungen anderer überzustülpen. Das führt in meinem Leben oftmals zu sehr abstrusen Momenten- wie oft ist es mir schon passiert, dass eine Freundin in meiner Anwesenheit oder sogar direkt zu mir gesagt hat, sie sei fett geworden. Mir. Eindeutig schwerer. Ich summe daraufhin in meinem Kopf gern „I am the walrus“.
Oder ich werde gefragt, ob das Gegenüber zugenommen hätte. Ich seh sowas nicht. Ich sehe immense Gewichtsschwankungen, klar, aber ich kann nicht erkennen, ob jemand drei Kilo verloren oder gewonnen hat. Das ist mir bei anderen Menschen nämlich egal. Es kann sogar passieren, dass mir jemand seinen Hintern ins Gesicht streckt und fragt: „Hab ich arg zugenommen?“ und ich dann furztrocken antworte „Nein, dein Arsch ist nicht fetter als sonst.“
Ja, jeder Mensch hat seine eigenen kleinen oder großen Problemzonen, die er in keiner Relation zu den Problemzonen anderer sieht. Vielleicht sehe ich für andere ja auch wie die wandelnde Problemzonenlosigkeit aus, man weiß es nicht. Ich stelle nur fest, dass sehr viele meiner Freundinnen sich Gedanken um ihren Körper machen und ihnen das von außen aufgezwungen wird. Von der Familie, vom Job, von den Medien; ich weiß eigentlich bei so gut wie keiner, wie sie sich eigentlich am wohlsten fühlt. Wir rennen anscheinend (fast) alle einem Außenbild hinterher, das wir dann doch nie zur vollen Zufriedenheit erfüllen können. Wie traurig ist das denn?

Ich rede sehr selten mit anderen über mein Gewicht; das ist ein Thema, das ich nicht sooo groß finde, dass ich damit Abende bestreiten muss. Ich höre anderen sehr oft zu, wenn sie über ihr Gewicht reden, sehr oft,wenns ums Essen geht, wobei es sich dann selten um den Genussfaktor dabei handelt, sondern mehr um die Selbstschelte, weil man zu viel und zu falsch gegessen hat. Dabei ist Essen doch so wundervoll! Ich habe vor einem knappen Jahr beschlossen bestimmte Dinge nicht mehr zu essen, weil sie mir nicht schmecken. Wenn ich hungrig bin, möchte ich etwas zu mir nehmen,was mir auch mundet. Vor allem nach oben genannten Gespräch, als ich begonnen habe in mich zu gehen, ist mir aufgefallen, dass ich die Frustfresserei schon länger aufgegeben habe. Wenn mir nach viel Schokolade ist, schieb ich mir das letzte Stück mit dem Ist-jetzt-eh-egal-Gedanken nicht auch noch in den Mund, sondern hebe es für den nächsten Tag auf- mein persönlicher Hurramoment: Ich habe seit zwei Tagen eine Tüte Schokobons, die noch immer nicht leer ist, Rekord-, wenn mir etwas schmeckt, dann esse ich das mit Genuss und gern auch mehr als „normal“ wäre, aber nie mit schlechtem Gewissen. Das würde mir das Essen verderben. Und ich finde es sehr schade, wenn mir jemand erzählt, er hätte „nur Scheiß“ gegessen. Das schmeckt doch nicht. Ich dickes Ding scheine ein gesünderes Verhältnis zum Essen zu haben als viele Dünndinger. Das erstaunt mich. Es macht mich nicht dünner, aber es macht mich ruhiger.
Ich lese nach wie vor sehr viel über das Thema Körpergewicht und es erstaunt mich, mit welchem Hass und welcher Vehemenz Dicke in Foren von angeblich Dünnen beschimpft werden; so als ob dicke Menschen die zweite Klasse des Lebens gebucht hätten. Und immer wird der Gesundheitsjoker gezogen: Dicke kriegen schlimme Krankheiten und fallen damit der Gesellschaft zur Last. Ja, genau. Dünne Menschen sind nie krank. Verletzen sich nie. Ich möchte nur mal einwerfen, dass der Geifer, den da so manch einer heraussabbert, bestimmt nicht gesund ist.
Und was ich noch unbedingt, UNBEDINGT hier loswerden möchte: Ich finde den Slogan „I make you sexy“ unverschämt. Weil er sexy und dünn gleichsetzt. Und das macht dann noch mehr Stress. „I make you thinner“ klingt wahrscheinlich zu profan. Wäre aber fairer.
Um es ganz klar zu sagen: ich weiß nicht, ob ich dünn/dünner/nichtmehrvorhanden/weiterhin genau so sein will, so weit bin ich noch nicht gekommen. Ich überlege noch und versuche dabei sämtliche Suggestionen und Eingebungen von außen mal nicht zu mir vordringen zu lassen. Wie in einem früheren Beitrag bereits erwähnt bin ich schließlich als einzige 24 Stunden am Tag in mir, also sollte ich das mit dem Gewicht und dem Körpergefühl auch ganz allein rausfinden. Beim Rausfinden habe ich dann auch mal meinen Körper wahrgenommen und bemerkt, was ich toll finde. Meine Brüste zum Beispiel. Knallerdinger. Mördermöpse. Perfekte Größe, sitzen an der richtigen Stelle, machen ein tolles Dekolleté. Oder meine Nase. Schickes Teilchen. Meinen Mund finde ich wunderschön. Meine Beine sind Reiterhosenfrei und haben ne tolle Länge. Mir fallen auch Dinge auf, die ich nicht sooo mag. Meine Oberarme sind komisch. Ich habe zwei Bäuche. Meine Knie sind so sonderbar geformte Dinger. Dafür finde ich meine Füsse schön. Meine Hände sind Patschhändchen. Die haben Kreditkartengröße. Und seit ich mich mal so betrachte und mir etwas wohlwollender gegenüberstehe, ist das mit dem viel zu viel Essen plötzlich auch nicht mehr so das Thema. Immer noch viel, aber nicht mehr magendrückermäßig reingestopft. Mal nicht ständig überlegt, was ich noch Essbares zwischen die Zähne rammen könnte. Und wenn mir was nicht schmeckt, dann esse ich es nicht. Auch nicht, obwohl es gesund ist oder irgendwas Wunderbares mit dem Stoffwechsel anstellen könnte.
Ich ahne, ich muss tief und noch tiefer in mich gehen um an den Punkt zu kommen, wo „es“ sitzt. Vielleicht steckt da auch nur ein klitzekleines Ich, das schmollend mit verschränkten Armen sagt „Ich nehm nicht ab, weil mir alle das sagen! Ich mach nicht das, was ihr von mir wollt!“ Ich hab in meinem Leben viel drüber nachgedacht, warum ich ich so aussehe. Der berühmte Schutzpanzer- wovor will ich mein Seelchen denn schützen? Vor bösen Kommentaren augenscheinlich nicht- wollte geknackt werden, die Frustfresserei hab ich ja schon erwähnt- aber anscheinend hat das alles nicht den wirklichen Grund erfasst. Und der könnte tatsächlich sein, dass ich genau das Mordsweib sein will, das ich bin.

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