Nen Scheiß muss ich

Das steht auf einer Postkarte. Diese Postkarte hat eine Freundin von mir entdeckt und musste dabei sofort an mich denken. Warum? Konnte sie mir nicht beantworten, ist eben so.
Was meine Freundin nicht wusste- jetzt weiß sie es, sie ist eine meiner drei Leserinnen (Hach. Oder vier.)- ist, dass ich mir vor ein paar Monaten vorgenommen habe bestimmte Wörter nicht mehr unachtsam zu benutzen.
Die Liste ist kurz und sonderbar:
– (ich) muss
– (ich) sollte
– irgendwie
– sensationell
– grandios
Ich schreibe ja jeden Morgen drei Seiten. Auf diesen Seiten tauchen diese Begriffe überproportional oft auf und ich störe mich daran. Vor allem an den Sätzen, die mit „ich muss“ beginnen. Deswegen sind die letzten drei genannten Begriffe in diesem Beitrag auch zu vernachlässigen, ich werde nicht darauf eingehen.

Ich setze mich sehr gern mit Kleinigkeiten unter Druck, indem ich mir Aufgaben zuteile und sie durch „müssen“‚zu Befehlen umwandle. „Ich muss mich mal wieder um (meistens irgendwas im Haushalt) kümmern“; „Ich muss heute noch denoderdie anrufen“; „Ich muss mich mehr pflegen“; „Ich muss endlich mal in die Gänge kommen“. Nichts davon erledige ich.
Jenseits der allseits beliebten und oft genannten Prokrastination habe ich nämlich eine ganz und gar schwierige und nicht wirklich liebenswerte Eigenart: Ich bin ein Trotzkopf vor dem Herrn. Wenn mir gesagt wird, was ich tun MUSS, dann hab ich sofort, ohne Umschweife, ganz direkt einfach keinen Bock darauf. Ja, das ist kindisch. Ja, das ist keine leicht zu händelnde Eigenart. Aber sie sei mir gegönnt. Ich weiß darum und ich versuche ihrer Herr zu werden. Allein- es gelingt mir nur sehr selten. Es geht sogar so weit, dass ich mich an Dingen versuche, die ich eigentlich bislang in meinem Leben nicht in Erwägung gezogen habe, weil mir jemand sagt, er glaubt nicht, dass ich das kann oder schaffe. Hat mir öfter Freude als Schaden bereitet, kann ich hier mal mit nem fetten Ätschibätsch an die Menschheit verkünden. Läuft aber leider auch manchmal andersrum, wenn ich zum Beispiel Dinge vor mir herschiebe, weil ich sie nicht tun will und mich selbst mit „Mach das jetzt!!!“ dazu zwingen möchte. Momentan sind das eine Email, meine verhornten Finger, meine kaputten Füsse, mein unaufgeräumter Schreibtisch und mein Kleiderschrank, den ich vom Katzenschlafplatz zurückzubauen gedenke. Nur um die Kleinigkeiten zu nennen.
Also- ich trotze gegenüber mir selbst. Wie bescheuert ist das denn bitte? Das nervt. Das ist unerwachsen und nicht mal im Ansatz prinzessinnenhaft. Was also dagegen tun?
Die Postkarte hilft. Im Ernst. Wenn ich mir selbst wieder in diesem ekelhaft gilfigen Befehlston eine Anweisung zubelle, sage ich mir selbst
Nen Scheiß muss ich.
Und dann bin ich wieder so ein bisschen lockerer. Ja, ich weiß, jeder Mensch muss immer irgendwas machen, aber wenn man allein dieses blöde, bescheuerte, stinkigdoofe Wort müssen einfach mal nicht benutzt, dann fühlt man sich auch gleich nicht mehr so gegängelt.
Ich muss nicht zur Arbeit, ich gehe zur Arbeit. Ich muss die Email nicht schreiben, ich schreibe die Email. Taten statt Befehlsausführungen. Selbstverarsche, die bei mir fruchtet. Und jetzt höre ich auf zu schreiben, weil ich die Email noch verfassen will. Nicht muss, denn wir sagen es alle im Chor:
Nen Scheiß muss ich.

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Eingeordnet unter Das echte Leben

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