Mein erstes Mal

Ich finde es toll, dass man das gesamte Leben lang immer wieder erste Male erleben darf. Nichtsdestotrotz gibt es da einige erste Male, auf die ich wirklich hätte verzichten können. So auch mein erstes Mal, neulich, im Ballett…
Das Berliner Staatsballett hat „Romeo und Julia“ im Programm, und zwar die Inszenierung von John Cranko, die ich in Stuttgart nicht gesehen habe. Also auf und Karten besorgt und dann stolz und glücklich im ersten Rang der Deutschen Oper Musik und Tanz goutieren. Großartig.
Ich liebe ja Theater- und sonstige kulturelle Aufführungen, bin gern ein Teil davon und auch das Zuschauen bereitet mit Freude. Was mich jedoch wirklich und ehrlich nervt, sowohl als Darstellerin als auch als Zuschauerin, sind diese nervigen Hustereien. Echt, muss das sein? Das stört die Konzentration und warum muss das immer genau bei den leisen Stellen in sich hineingepresst werden? Das ist fast unanständig. Bisschen Selbstbeherrschung, bitte. Und dann auch noch so langgezogen und unterdrückt und eeeeeewig. NERV!
So meine Einstellung zu diesem Thema. Bis ich in der Deutschen Oper im ersten Rang sitze und mich bei der Stelle, als Julchen während der Ballszene hereinschwebt und diesen zarten Moment mit ihrem elfenhaften Körper zu wirklich leiser Musik auszudrücken versucht, aus dem Nichts ein Hustenreiz überfällt. Aus dem Nichts. Orkanartig. So als ob direkt vor dem Zäpfchen ein Staubkorn meinen Speichel ins Nirvana schickt. Ich unterdrücke, schlucke und schlucke und schlucke und huste so leise wie möglich vor mich hin. Deshalb auch lange und qualvoll. Ähäähäähä. ÄhHÄhähä. Ähähähäch. Hääääähähähähä. Arch. Die ältere Dame neben mir beugt sich langsam in die entgegengesetzte Richtung. Das Staubkorn schwillt zu einem gefühlten Kieselstein an. Und dann kommt der Moment, vor dem ich mich gefürchtet habe- wenn ich husten muss, folgt unwiderbringlich kurz darauf der Niesreiz. Der gewaltige Niesreiz. Ich spüre schon, wie es an den Lamellen kitzelt, als der sanfte Julchenmoment vom Ballbombast abgelöst wird. Schlagartig kitzelt es nicht mehr, ich lasse erleichtert einen lauten, einzelnen Huster los und fühle mich erlöst.
Bis Julia wieder vor sich hinschwebt. Da kommt der Niesreiz mit geballter Wucht in die Nase zurück. Ich komm kaum hinterher mir die Nase zuzuhalten, als das Nies schon meinen Körper verlässt. Ich hoffe, dass der fiese Fiepton nur in meinem Kopf ist, aber da ist auch schon wieder das Staubkorn, das sich nach einer kurzen Reise durch die Mundhöhle wieder vors Zäpfchen bettet. Ich schluckeschluckeschluckeschlucke und huste ähähähä, hääääää,hähähäh. Nieser Nummer Zwei bereitet sich auf seinen Einsatz vor und schüttelt mich kurz vor dem großen Ballfinale durch. Ich habe das Gefühl, dass der Paukenspieler aus dem Graben seinen vorwurfsvollen Blick direkt in mein Staubkorn bohrt. Und ich muss schneuzen.
Ich möchte singen vor Freude, als der erste Akt endet und ich in der zwanzigminütigen Pause meine Kehle benetzen kann. So ein Hustenreiz wird ja durch trockene Kehle nicht besser, nicht wahr?!
Gelöst und enthustet sitze ich freudig erregt im ersten Rang und sehe Romeo und Julia zu, wie sie ihre erste gemeinsame Nacht zelebrieren. Anscheinend ist das verfluchte Staubkorn der Meinung die Aufführung auch im zweiten Akt begleiten zu dürfen. Der Hustenreiz ist zurück. In 3D. Doch diesmal lasse ich mich nicht mehr ins Bockshorn jagen, die beiden Liebenden laufen im Moment eh nur verzückt in Kreisen herum- ein einmaliger, beherzter Huster und das Staubkorn ist Geschichte.
Und ab da- Ruhe. Zumindest bei mir, gegen Ende des dritten Aktes hustet es kurz und verschämt aus dem Parkett. Zum ersten Mal habe ich Mitleid.
Ich werde mich nicht mehr über Hustenanfälle im Theater aufregen. Nur ein Tipp: Macht es kurz, hustet das Ding raus und gut ist es. So oder so peinlich, aber kurz und knackig macht dem Staubkorn des Grauens den Garaus.
So, und wieder ein erstes Mal abgehakt.

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