Geschenkte Zeit und was ich nicht damit machen will

Ich sitze am Küchentisch und trinke extrem leckeren Kaffee, den ich mir selbst zubereitet habe. Seit eineinhalb Stunden lese ich in ein paar Blogs herum, die ich ab und an mal besuche und deren Existenz mir heute mal wieder eingefallen ist.

Eigentlich sollte ich bis zwölf Uhr mittags schlafen, weil ich gestern auf einer wirklich netten Geburtstagsparty war und erst um kurz nach Drei im Bett lag, ich bin aber um halb Zehn vom Dicken (der übrigens nicht mehr dick ist, aber so Kosenamen prägen sich ein) penetrant um Nahrung angegangen worden, dann dachte ich mir, ich kann auch gleich aufgestanden bleiben und mir nen leckeren Kaffee machen. Ziel erreicht.

Mir passiert das ab und zu mal, dass ich früher wach werde als geplant und mir dann aus präseniler Bettflucht heraus eine halbe bis zwei Stunden im Wachzustand schenke. Und meistens verbringe ich diese Zeit vor meinem iPad und lese Dinge, die das Internet erfunden hat. Oder ich spiele Spiele auf meinem iPad. Wenn ich zur Arbeit gehen muss, komme ich gern mal ins Schwitzen, weil ich dazu neige zu trödeln, wenn ich mehr Zeit für mich habe als ich Kontrollfreak eigentlich eingeplant hatte.

Neulich hatte ich im halbschlafenen Zustand die grandios bescheuerte Idee, dass ich meine seit fünfzehn Jahren in den Ruhestand geschickten zusätzlichen Ohrlöcher ja wieder reaktivieren könnte (R.E.D.- Ohrlöcher quasi, kleiner Filmgag am Rande) und habe sie kurzerhand mit meinen medizinischen Ohrsteckern erdolcht. Das Ohr war eineinhalb Tage rot und langsam kann ich es anfassen ohne in Ultraschallhöhe vor mich hinzujammern. Die Stecker bleiben drin, bis ein Pathologe sie mir von meinen kalten Ohrlappen schneidet. Oder bis ich kein Schmerzempfinden mehr habe. Also nie.

Solche Selbstzerstümmelungsaktionen habe ich übrigens selten, ich finde meine Idiotie nur erwähnenswert.

Was aber immerimmerimmer in meinem Kopf vorgeht, wenn ich mir selbst Zeit schenke: Ich habe ein schlechtes Gewissen. Weil ich mit der geschenkten Zeit nichts Sinnvolles anfange. Ich schaue mich in der Wohnung um und sehe lauter kleine Baustellen, die mich um Aufmerksamkeit anbetteln; der Herd will geputzt werden, die Wäsche möchte bitte ordentlich zusammengefaltet sein und in ihrem natürlichen Lebensraum zur Ruhe kommen, die Pflanzen auf dem Balkon gieren nach dem harten Schnitt der tollen Schere, der Boden erzittert unter der Last der Wollmäuse, die in gefühlten Scharen marodierend über die Fliesen wuseln. Kann jetzt endlos fortgesetzt werden, ich denke aber, der Punkt ist klar geworden.

Heute morgen jedoch wurde mir bewusst, dass das mir gegenüber echt nicht fair ist. Ich mache mir selbst ein Geschenk, nämlich Zeit, und anstatt mit dieser Zeit einfach das zu machen, worauf ich Lust habe, pflanze ich mir einen kleinen Knoten in den Magen, der schlechtgelaunt in meinen Innereien herumtobt und herummeckert, dass ich ein faules Stück Mensch bin, das doch endlich mal den Popo hochkriegen und sein Umfeld bewohnbar machen sollte anstatt vor sich hinzuprokrastinieren. Dabei würde ich normalerweise noch in meinen Träumen Einhörnern hinterherjagen und mit Benedict Cumberbatch Lindy Hop tanzen, ich darf aber jetzt, ganz allein, mit versorgten Katzen und wirklich leckerem Kaffee zwei Stunden Zeit damit verbringen mir mal was Gutes zu tun. Und das ist ganz oft lesen oder spielen. Und nicht Unterhosen zusammenfalten oder matschige Tomaten in den Müll schmeissen.

Die Wohnung sieht nicht aus wie ein Schlachtfeld, die Wohnung sieht aus, als würden Menschen drin leben, die ihre Zeit oft außerhalb verbringen und die nicht immer Zeit haben alles sauberzulecken. Die Wespen, Hummeln und Bienen tanken sich auf einem wildgewordenen Balkon voll, auf dem man bequem sitzen und atmen kann. Die Wollmäuse haben noch keine Gewerkschaft gegründet und machen sich daran die Weltherrschaft an sich zu reissen. Der Herd – nun ja, der Herd sieht scheiße aus. Ich guck nicht hin. Die Katzen kommen ohne Probleme überall hin um ihr Unwesen zu treiben und die blinden Katzen stossen nicht an Möbelstücke. Wo liegt also das Scheißproblem, dass ich die Zeit, die ich mir geschenkt habe, mit dem verbringe, worauf ich Lust habe? Schließlich weiß ich, dass ich ein derart durchgetaktetes Leben führe, dass meine Putzzeiten in meinem Kopf verankert sind und dass ich für die Dinge, die ich außerdem erledigen möchte/sollte/könnte, einen freien und nicht sektgeschwängerten Nachfeierkopf benötige, jetzt sowieso nicht die Energie habe. 

Ich habe mir Zeit geschenkt. Und ein Geschenk soll schön sein.

Ich hab noch fünfzehn Minuten davon übrig. Der Kaffee reicht noch für einen Becher und ich hab die eine Onlinezeitung nicht besucht. Danach hab ich noch fünf Minuten mehr, weil ich nicht erst wach werden muss. Ist das nicht schön?  Ich hab mir ein tolles Geschenk gemacht. Und die Kopfschmerztablette wirkt auch schon.

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