Wie ich in Stoff ertrank – oder Nähen für Fortgeschrittene als Anfängerin

Zuallererst- nein, das wird jetzt kein Do it yourself- Blog werden, dazu mache ich viel zu wenig yourself und das, was ich mache, gibt es wahrscheinlich alles bereits Schritt für Schritt mit wesentlich größerer Begeisterung in Wort und Bild festgehalten. ABER ich hab mir ein solch dermaßen großkotziges und unglaubliches Projekt vorgenommen, dass ich dachte, das teile ich mal mit der Welt.

Kurz nach meinem Andalusienurlaub bekam ich ein Flamenco-Workshopangebot mit der unvergleichlichen und von mir heißgeliebten Leonor Leal, die Ende Dezember für drei Tage in Berlin aufschlagen würde, in die Finger. Unter anderem bot sie einen „Bata de Cola“ – Kurs an- für den geneigten, aber unwissenden Leser: die Bata de Cola ist ein Schleppenrock mit einem ziemlich langen Schleppendings hinten, das man erfahren und elegant mit den Beinen in der Gegend herumschleudern kann. Wenn man es kann. Da ich es nicht konnte, es aber immer lernen wollte, habe ich mich kurzerhand angemeldet. Jippieh!

Danach- also nach der verbindlichen Anmeldung- ist mir dann eingefallen,  dass ich da bestimmt mit einer Bata ankommen sollte, ich will ja nicht nur die Luft herumschleudern. Wird ja nicht so schwer sein, dachte ich mir, Berlin als Weltstadt hat ja in jedem Bezirk erfahrene und großartige Bata- Dealer. *hier bitte höhnisches und fünf Minuten langes schrilles Gelächter einfügen*

Nach einer mehrstündigen Suche im Internet war ich um folgende Erkenntnisse reicher:

Nein, in Berlin kann man sowas eben nicht einfach mal so kaufen.

Man kann sich eine Bata schneidern lassen, das kostet dann aber ab 300 Euro aufwärts.

In meiner Größe gibt es keine gebrauchten Batas.

Wenn man sich das schneidern lässt, dauert das so lange, dass ich den Kurs ohne Schleppe machen muss. Oder man gibt richtig Geld aus.

Und DANN hatte ich die ZÜNDENDE Idee. Ich nähe mir einfach selbst so einen Rock. Kann ja nicht so schwer sein. *hier bitte Horrofilmsoundtrack der eigenen Wahl kurz im Kopf erklingen lassen*

Also wurde nach einem passenden Schnittmuster gesucht; das habe ich dann tatsächlich in rasender Geschwindigkeit gefunden, und zwar auf der von mir inzwischen sehr geliebten Seite www.flamencodressmaking.com

Die Betreiberin dieser Seite, Anke Herrmann, lebt in Granada, ist Deutsche und liebt Flamenco und die dazugehörenden Anziehsachen. Ihre Tutorials und Blogbeiträge, die ich inzwischen auswendig kenne, machten mir Mut, so dass ich mir das Schnittmuster für die Bata zulegte und das „for advanced sewers“, das daneben stand, als nebensächlich abgetan habe. Ich weiß, wo die Steckdose neben meinem Sekretär steht, ich kann Faden in meine Nähmaschine und meine Overlockmaschine einfädeln, WAS SOLL SCHON SCHIEFGEHEN?! Außerdem habe ich ihr unverschämterweise auch geschrieben und eine liebenswerte und extrem hilfreiche Antwort erhalten, ich schaffe das schon!

56 Din A – 4 – Seiten später hatte ich auch schon das Schnittmuster in der Hand und musste nur noch zusammenkleben.

Schnittmuster

Ich bin so dankbar, dass ich genug Platz auf dem Boden habe… Natürlich ging das Ganze nicht so einfach, ich bin ja bekennende Bastellegasthenikerin und kriege keine zwei Blätter sauber zusammengeklebt. Die Ränder haben nicht zusammengepasst, entweder war die Länge oder die Breite falsch, und als ich dann versucht habe die Bahnen miteinander zu verbinden, hab ich Wülste hingekriegt.

 

Ich habe geflucht. Wie ein Bürstenbinder.  Doch schließlich und endlich…

… nach harter und unsauberen Stellen vertuschender Arbeit hab ich das Schnittmuster fertig ausgeschnitten auf dem Boden gehabt. Und ja, das sind ewig lange Bahnen. Und ja, als ich zum ersten Mal gesehen habe, mit welchen Mengen Stoff ich da zu tun bekomme, ist mir die Düse gegangen. Dabei hatte ich da noch garkeine Vorstellung….

Super, wenn so ein Schnittmuster fertig ist. Blöd nur, wenn man zum Schnittmuster keinen Stoff hat. Aber toll, wenn auf der Website mit dem Schnittmuster Links zu spanischen Onlineshops stehen, auf denen man auch nach Deutschland bestellen kann. Ich habe nämlich nicht die geringste Ahnung, wo ich in Deutschland Stoff wie Flamencopopeline oder Can-Can herkriegen soll und die Quellen, die ich angezapft habe, waren ebenfalls ahnungslos.

Das professionelle Schneiderlein an sich bestellt sich sicherlich Stoffmuster, aber die Schäfer geht auf die Internetseiten, guckt sich aus, was sie so haben will, gibt hundert Euro für Stoff aus und dann geht ihr die Düse. Wozu auf Nummer Sicher gehen, wenn man sich für lau nen Herzkasper basteln kann?

Ich habe in zwei Shops bestellt, an einem Donnerstag. Am Montag war das erste Päckchen da und am Donnerstag drauf das zweite. Also Respekt. Ich habe gewaschen, was gewaschen werden durfte und dann hab ich zwanzig Meter Stoff gebügelt.

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Ich habe es gehasst.

Vom Beschluss bis zu diesem Schritt hat es übrigens eine Woche gedauert. Ich habe eine weitere Woche verstreichen lassen, bis ich mich dazu entschließen konnte, das Schnittmuster auf den Stoff zu übertragen und auszuschneiden. Weil ich mich kenne und weiß, dass ich zu Schludrigkeit neige und weil ich wusste, wenn ich es versemmle, dann kann ich es nicht so einfach entsemmeln, hatte ich Schiss. Und wir reden hier immer noch davon, dass ich Schiss vor dem Rock an sich hatte. Dazu später mehr.

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Schließlich und endlich hab ich angefangen und erst die schwarze, dann die weiße Popeline zugeschnitten, mit stark klopfendem Herzen. Damit ich mit das doppelte Übertragen spare, habe ich den Stoff doppelt genommen und mit Stecknadeln (eine Erfindung der Götter!) zusammengeheftet. Der Rock wird nämlich gefüttert, damit er schwerer ist und nicht verrutscht.

Dann dachte ich mir, bevor ich anfange zu nähen, schneide ich noch eben die Stoffe für die Volants auf der Ober- und Unterseite zu. Extra dafür hab ich mir einen sauscharfen Rollschneider gekauft, mit dem ich mir auch nur drei Mal in den Finger geschnitten habe. Die Halbkreise hab ich achtundsechzig Mal ausgeschnitten, in dreieinhalb Stunden, den CanCan hab ich in wesentlich kürzerer Zeit geschnitten, dafür ist der auch ein wenig unsauber geworden… Und mein rechter Zeigefinger ist vorn taub, immer noch. Wird aber langsam. (Ist praktisch beim Kochen, ich merke nicht, wann ich mich verbrenne.)

Jetzt ist also alles zugeschnitten und ein Haufen Stoff liegt bei mir rum. Ich könnte also anfangen. Mein Problem ist nur, ich trau mich nicht. Bisher musste ich jedes Mal, wenn ich mich an die Nähmaschine gesetzt habe, irgendwas wieder auftrennen, dann hab ich mich mit dem Schnitt vertan und musste mal Stoff nachkaufen, dann hab ich es überhaupt nicht gerafft und hab dauernd die falschen Teile zusammengenäht und so weiter. Davor hatte ich diesmal schiere Panik, wir reden ja von zwanzig Scheißmetern.

Trotzdem habe ich das Projekt Bata de Cola den ganzen Tag rund um die Uhr im Kopf, ich überlege mir, bevor eine Nähnadel auch nur in die Nähe der Popeline gekommen ist, bereits, wie ich das mit dem Reissverschluss wohl am besten hinkriege, ob ich die Volants mit Rundsaum oder Schrägband versehe, wie hübsch das wohl aussehen wird und ob ich damit tanzen kann. Und was ich machen soll, ich hab nämlich einen zu großen Bauchumfang. Der Schnitt passt wie ne Eins, aber am Bauch fehlen vier Zentimeter und da der Rock wie angegossen sitzen soll, ist das ein Problem. Ich hirne und hirne und hirne und denke mir dann, warum nicht einen Keil einsetzen, der bis zur Mitte des Oberschenkels geht und spitz zuläuft? Wenn ich den gesamten Schnitt vergrößere, dann auch an den Stellen, die exakt passen, das geht also nicht.

Zum GLÜCK habe ich im fernen München meine Lieblingstante, die Damenschneidermeisterin ist. Die rufe ich also an und lege ihr meine Idee dar, ob das so machbar sei. Und sie ist begeistert, meint sogar, dass wahrscheinlich nicht mal sie auf diese Idee gekommen wäre. Ich platze vor Stolz über meine grandiose Idee, in der Theorie bau ich ne Bombenbata zusammen. Ich nähe aber noch immer nicht. Im Kopf schon, aber heissa, ich habe Schi-hiss.

Bei einem Telefonat mit meiner Mutter schießlich wird ihr mein Gejammere zu bunt und sie herrscht mich an, ich soll das ganze Zeug eben mit zu ihr bringen, wenn ich im November heimfahre und bei ihr nähen, sie hilft mir dann schon. Gesagt, getan, die Judith, ihre Ovi, zwanzig Meter Stoff (ich nehme vorsichtshalber alle Schnittreste mit, falls ich basteln muss) und Reissverschluss fahren gen Süden.

Der Urlaub bei meinen Eltern hätte ein entspannter Wir-essen-und-trinken-und unterhalten-uns-Urlaub werden sollen, aber kaum war ich zuhause, saß ich auch schon an der Nähmaschine meiner Mutter und habe losgelegt. Meine Mutter hat sich anderthalb Jahre zuvor eine Quilthammermegamaschine gekauft und ich raste vor Wonne ob der gazen Knöpfe, die man da bedienen darf, aus. Da ich lediglich gerade Stiche brauche, ist die Maschine natürlich absolut unterfordert, aber hey, ich arbeite ohne Fußpedal, verrenke mir dadurch den Rücken nicht und arbeite in Rekordgeschwindigkeit los.
Bis ich merke, ich fange ja mit der Ovi an- man will es professionell, man versäubert die Kanten wie eine Große. Das Futter wird auf den Außenstoff gelegt, mit Nadeln zusammengesteckt und mit der Ovi versäubert. Da hol ich mir dann Rücken, weil die n Fußpedal hat, aber was soll´s.

 

Dann kommt das Zusammennähen dran. Und NATÜRLICH versemmle ich die allererste Naht. Ich nähe zwei falsche Teile zusammen. Ich kann nicht mal sagen, woran ich das gemerkt habe, aber als ich die erste Naht stolz angucke, denke ich mir, hm, sind das auch die richtigen Teile, und nein, sie sind es natürlich NICHT. Auftrennen ist beim Nähen das, was ich am besten und saubersten kann. Ich habe jahrelange Übung darin, der Nähtrenner ist mein bester Freund.

Zum Glück war es die erste Naht. Ich reisse mich zusammen und mache das Ganze wieder auf, lege jedes Teil sorgsam zurecht, überprüfe das mindestens dreißig Mal und dann lege ich los.

Es läuft wie am Schnürchen, ich nähe und nähe, kriege den saubersten Reißverschluss der Welt hin (für meine Verhältnisse) und dann kommen die beiden Seitennähte. Der Keil des Grauens will gebastelt werden. Aber was soll ich sagen? Ich messe das kurz an mir aus, schneide aus Futter und Außenstoff zwei Keile, nähe die rein, indem ich den Keil erst mit der Vorderseite verbinde und dann beide Seitennähte schließe und, wer hätte das erwartet, der Rock passt. Wie. Eine. Eins. Er sieht großartig aus. Ich könnte nach vier Tagen Arbeit platzen vor Glück.
Nur ist leider noch nicht ein Zentimeter Volant genäht.

Man erinnert sich an die 68 Punktestoffkreise, die nun alle miteinander verbunden werden wollen? Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Siebenundsechzig Mal die Ovi zu bemühen um 12 Zentimeter zu schließen ist die langweiligste und dööfste Aufgabe der Welt. Nein, es wird getoppt vom Rand, der auf beiden Seiten ebenfalls versäubert werden will; da ich erstens zu faul und zweitens zu knickig bin mir zehn Meter Schrägband anzutun, wird es ein Rundsaum. Das dauert alles in allem so um die fünf Stunden. Ich war so genervt, ich hab kein einziges Foto davon geschossen. Und dann musste ich die Lage der Volants auf den Rockstoff übertragen. Zum Glück haben meine Eltern ein großes Wohnzimmer, in dem ich den Rock auf den Boden legen und losmalen konnte. Ich habe zwei Tage Pause gemacht, weil ich mir dermaßen in die Hosen geschissen habe, dass ich das nicht hinkriege. Dermaßen.
Dann nahm sie all ihren Mut zusammen, die lustige Frau, und nähte los. Stück für Stück, gaaaaanz langsam, und nach weiteren drei Stunden säumten fünf Volants den Rock und alle haben sich gefreut, weil es so toll ausgehen hat. Dabei war der ja NOCH IMMER NICHT FERTIG. So ein Schleppenrock braucht nämlich auch Volants auf der Innenseite. Ich hab aber erst mal Urlaub gemacht, noch hatte ich ein paar Wochen Zeit, bis ich zum Workshop musste.

Zuhause angekommen und mit einer niegelnagelneuen Nähmaschine beschenkt ging es dann an die Volants auf der Innenseite. Das funktionierte diesmal nach einem anderen Prinzip und ich hab es mir gleich megadreckig gegeben und auf die großen Volants Minivolants genäht und beim Nähen hab ich gleichzeitig gefaltet. Nie. Wieder.

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Dreißig Meter weißer Cancan auf zwölf Meter schwarzen Cancan in Zeitlupe sauber nähen ist ÄTZEND. Und wenn man das dann hat, muss man alle schwarzen Cancanstreifen auch so falten und nähen. Und wenn das dann fertig ist, müssen alle gefalteten und mit weißem Cancan versehenen Streifen zusammengenäht werden. Und wenn das dann fertig ist, muss man die dann auf der Innenseite des Rockes anbringen. Drei volle Tage für den Mist. Mit drei Mal auftrennen, weil ich die Außenvolants mit vernäht habe, weil ich mal kurz schneller geworden bin. Und ich habe mit dem ganzen Stoff gekämpft, weil ich den kaum unter dem Nähfuß durchgeschoben gekriegt habe.

Ich habe drei Tage nichts anderes mehr als das gesehen. Ich war bedient. Und ich habe mich dennoch bemüht es so sauber wie möglich zu machen, ich wollte mich beim Workshop ja nicht blamieren…

Dann kam sie, die letzte Naht. Ich habe den Rock vorsichtig unter dem Nähfuß rausgeholt, bin aus dem Raum gegangen und habe erst mal eine Zigarette geraucht.
Dann bin ich zurück zum Rock gegangen, habe ihn gestreichelt und ihn in meinem Leben willkommen geheißen. Dann habe ich mein Nähzeug aufgeräumt. Und dann habe ich ihn zum ersten Mal angezogen.

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Ich bin so stolz.

Der Workshop war übrigens großartig; die Mittänzerinnen waren ganz angetan, dass ich den Rock selbst genäht habe und er trotzdem (ähem) so gut fliegt. Ich hab mich auch nicht ein einziges Mal auf die Fresse gepackt und kann ihn inzwischen wirklich schön wirbeln, auch wenn ich nach ner halben Stunde einen unglaublichen Muskelkater in den Unterschenkeln bekomme.

Den Keil muss ich inzwischen allerdings entfernen. Anscheinend war die Arbeit so belastend, dass ich Blut und Wasser in rauhen Mengen geschwitzt habe.

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Will jemand eine Bata de Cola? Soll er googeln.

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Eingeordnet unter Das echte Leben, Das Leben ist schön!

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