Der Terror ist hier

Ich war gestern Abend im Kino. In der zehnminütigen Filmpause habe ich wie 90 Prozent der anderen Besucher mein Smartphone gecheckt. Ich hatte soviele Nachrichten wie sonst nur an meinem Geburtstag, und in allen stand die Frage, ob es mir gut geht. „Bitte sag mir kurz, dass du nicht auf dem Weihnachtsmarkt warst.“ Ich hab es nicht begriffen. Dann habe ich von dem LKW-Fahrer gelesen. Dann ging der Film weiter. Ich habe es nicht begriffen. Ich konnte nicht. Mein Verstand ist nicht in der Lage das zeitnah zu verarbeiten.

Ich war kurz vor Mitternacht zuhause und habe wie ferngesteuert alles gelesen, was ich zu dem grauenhaften, schrecklichen Ereignis habe finden können. Und ich habe mich aus meiner Filterbubble hinausbewegt und Hass, Häme, Sarkasmus, Kaltherzigkeit und Bösartigkeit erfahren. Und ich habe es noch immer nicht begreifen können.

Ein Mensch ist mit einem LKW in einen Weihnachtsmarkt gefahren und hat ein Dutzend Menschen getötet und viele andere verletzt. Er hat kurz vor Weihnachten unermessliches Leid über andere gebracht und dafür gesorgt, dass dieses Weihnachtsfest für viele Familien kein Fest der Liebe, sondern eine Zeit großer und furchtbarer Trauer ist. Dieser Mensch hat immense Schuld auf sich geladen.

Die Menschen, deren Angehörige, Freunde, deren Liebste von ihm verletzt oder getötet wurden, denen gilt mein Mitgefühl. Ich kenne niemanden, der auf dem Weihnachtsmarkt war, ich habe die Gnade der Unwissenheit, wie sich das anfühlt, wenn einem jemand bei einer so sinnlosen Tat entrissen wird.

Außer mir gibt es zum Glück sehr viele Menschen, die diese Gnade auch teilen. Eigentlich sollten wir alle einfach mal die Fresse halten und demütig sein, dass uns das erspart geblieben ist.  Ein frommer Wunsch. Auf Twitter reissen jetzt Menschen das Maul auf und verlangen, dass Frau Merkel zurücktritt, weil sie diese Menschen umgebracht hat. Die dringende Bitte der Polizei sich nicht an Spekulationen zu beteiligen, wird nicht beachtet und ich lese im Minutentakt, das der Daesh sich bekannt hat, dass es die Flüchtlinge waren, dass es Zeit wird sich zu wehren, dass es ein Pakistani war. Selbst die Nachrichtenmagazine beteiligen sich, und ich rede hier nicht nur von der Blöd, jedes Gerücht wird zur Verfügung gestellt und aufgeblasen.

Ich kann nachvollziehen, dass man sofot wissen will, was genau geschehen ist, mir geht es genauso, deshalb habe ich ja alles durchforstet. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man in seiner Ungeduld lieber Gerüchten Glauben schenkt und nicht abwartet, bis die Polizei, bis die Rettungskräfte ihre Arbeit ohne Ablenkung gemacht haben. Diese Leute haben gestern ebenfalls einen der schlimmsten Tage ihres Lebens erlebt. Es wurde ihnen von vielen nicht leicht gemacht. Ich kann am allerwenigsten nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die nicht eine Sekunde persönlich in Gefahr waren, die gestern Abend kein persönliches Leid erfahren mussten, und die sich jetzt öffentlich, sei es auf Twitter, Facebook, YouTube oder sonstwo mit einer Vehemenz über das Geschehene äußern und Hass verbreiten, wo Mitgefühl gebraucht wird.

Der LKW-Fahrer ist schuld. Niemand sonst.

Terror findet seinen Weg, egal wie. Das ist grausam, aber wahr.

Wenn wir uns jetzt abgrenzen, wenn wir jetzt zumachen, wenn wir jetzt hassen, werden wir umso verwundbarer. Das meine ich ernst und nicht moralisch gesehen, das ist meine felsenfeste Überzeugung. Wenn wir zusammenstehen, wenn wir uns verbünden, wenn wir andere zu uns lassen, werden wir stärker. Wir werden diese Soziopathen und Psychos niemals ganz besiegen, aber je mehr von uns zusammenhalten und je mehr wir unsere Herzen für die öffnen, die vor dem Terror fliehen, umso größer wird die Schar derjeniger, die den Hass bekämpfen. Ich habe es in meinem Leben schon so oft im Kleinen erlebt, dass es funktioniert, ich weiß, dass es im Großen gehen muss.

Ich bin weder Paris noch Aleppo noch Berlin. Ich bin ein Furz im Universum. Aber ich werde anstinken gegen Hass und Neid. Weil es das ist, was ich tun kann.

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