Archiv der Kategorie: Das echte Leben

Geh wählen!

Dem wäre eigentich nichts hinzuzufügen. Dennoch- eventuell erreiche ich auf diesem Weg doch noch den ein oder anderen, der sich bisher gedacht hat „bringt ja eh nix“.

In den letzten Wochen habe ich immer wieder missionarische Gespräche mit Menschen geführt und immer wieder die gleichen Aussagen versucht zu widerlegen; deshalb probiere ich das hier mal zusammenzufassen und meine Meinung möglichst sachlich darzulegen (ich werde das nicht schaffen, aber ich werde mich bemühen).

1. „Ich hab mich mit den Parteien nicht beschäftigt.“
Mal abgesehen davon, dass das nun wirklich und ehrlich allein deine Schuld ist- du lebst ja schließlich nicht hinterm Mond, oder?! Dir wird ja das ein oder andere Plakat aufgefallen sein, du wirst bei einigen Headlines doch sicher gedacht haben, „ja, finde ich auch“ oder „nein, was für ein Schwachsinn“. Geh und mach dein Kreuz bei Mensch und Partei, die dir positiv im Gedächtnis geblieben sind.

Wir haben ein Wahlrecht in Deutschland. Ja, richtig, du hast das RECHT zu wählen. Ich will ja jetzt nicht mit Diktaturen, Scheinwahlen und all dem Kram kommen, aber man krakeelt doch immer wieder gern allzu leicht, dass man dazu und dazu das Recht habe, also nimm es dir in diesem Fall! Du lebst nicht im luftleerem Raum!

2. „Ich stimme mit keiner Partei wirklich überein.“
Hase, ich auch nicht. Es gibt in Deutschland nicht eine Partei, bei der ich bei jedem Punkt laut „HURRA!“ schreie. Ich überlege mir deshalb, was mir persönlich besonders wichtig ist und suche da nach Übereinstimmungen und wähle dann die Partei mit der größten Kongruenz. Wir sind 82 Millionen Menschen, keiner von uns hat exakt die gleichen Ansichten und jeder muss für sich Prioritäten setzen.  Das nennt man Kompromiss, damit zu leben erleichtert einem auch den sozialen Umgang im persönlichen Umfeld (kostenloser Tipp am Rande).

3. „Es ändert sich ja eh nix.“
Ich wiederhole nochmal kurz: Du lebst nicht im luftleeren Raum, es verändert sich immer was. Welche Veränderung möchtest du denn? Möchte eine Partei diese Veränderung auch? WÄHLE DIESE PARTEI. Ich verrate hier ein Geheimnis: Je mehr Stimmen eine Partei bekommt, desto eher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Regierung sitzt und eine von dir gewünschte Veränderung bewirkt- wenn du sie nicht wählst, fehlt ihr deine Stimme. UND JA, JEDE STIMME IST WICHTIG. Wir haben nämlich in Deutschland leider kein System, bei dem die Nichtwähler prozentual ins Wahlergebnis einfließen und deshalb eventuell keine Partei die Mehrheit erlangt und dann alle dastehen, sich am Kopf kratzen und sich fragen, was sie denn ändern sollen, damit sie gewählt werden- NICHTWÄHLER HABEN NICHTS MIT DEM WAHLERGEBNIS ZU TUN.
Außerdem- wer nicht wählen geht, darf hinterher auch nicht meckern. Und wenn wir Deutschen was wirklich gut und gerne tun, das ist das MECKERN. Doch dieses Recht (ah!) haben nur die Wähler.

! ACHTUNG ! WICHTIGE INFORMATION ! ACHTUNG ! WICHTIGE INFORMATION !
Wer seinen Wahlzettel ungültig macht, kann auch gleich zuhause bleiben, weil für ungültige Stimmen dasselbe gilt wie für nicht abgegebene Stimmen: Sie werden ins Wahlergebnis nicht einberechnet.
Weiß ich auch nicht schon immer, muss man aber wissen. Darth Vader zu wählen ist also nur semi-cool.

4. „Ich will keine der großen Parteien wählen.“
Dann wähl sie nicht! Wähle die „Tierschutzpartei“, die „Grauen Panther“, nur um zwei Beispiele zu nennen (das ist keine konkrete Wahlempfehlung!), also wähle eine Partei, die bei den Hochrechnungsbalken unter „sonstige“ absäuft. Dann hast du deine Stimme abgegeben, dann wird deine Stimme gezählt, das beeinflusst das Wahlergebnis (im Gegensatz zum Nichtwählen- falls du vergessen hast, weshalb, lies dir Punkt 3 nochmal durch). Und ja, ich höre den ein oder anderen schreien, dass man dann seine Stimme verschenkt hat- aber ich bin nicht dieser Meinung. Wer seine Stimme abgibt, verschenkt sie nicht, sondern tut seine Meinung kund.

So. Geh wählen. Und um jetzt doch noch eine private Wahlempfehlung abzugeben: Wähle bitte nicht die AfD. Geh wählen, damit die AfD keine Chance bekommt unser vielfältiges, fortschrittliches, Fehler machendes und daraus zu lernen versuchendes Land in ein Gebiet der Einschränkung, des Hasses und der Ausgrenzung zu machen- und ich rede hier nicht von der Ausgrenzung von Nicht-Deutschen, ich spreche auch und vor allem von der Ausgrenzung des größten Teiles unserer eigenen Gesellschaft. Hass ist keine Triebfeder, Hass ist ein Zerstörungsorgan. Ich glaube an eine Gemeinschaft, die durch Gemeinsamkeiten zusammenhält und nicht von der Ausgrenzung anderer lebt.

GEH WÄHLEN!

 

 

 

 

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Der Terror ist hier

Ich war gestern Abend im Kino. In der zehnminütigen Filmpause habe ich wie 90 Prozent der anderen Besucher mein Smartphone gecheckt. Ich hatte soviele Nachrichten wie sonst nur an meinem Geburtstag, und in allen stand die Frage, ob es mir gut geht. „Bitte sag mir kurz, dass du nicht auf dem Weihnachtsmarkt warst.“ Ich hab es nicht begriffen. Dann habe ich von dem LKW-Fahrer gelesen. Dann ging der Film weiter. Ich habe es nicht begriffen. Ich konnte nicht. Mein Verstand ist nicht in der Lage das zeitnah zu verarbeiten.

Ich war kurz vor Mitternacht zuhause und habe wie ferngesteuert alles gelesen, was ich zu dem grauenhaften, schrecklichen Ereignis habe finden können. Und ich habe mich aus meiner Filterbubble hinausbewegt und Hass, Häme, Sarkasmus, Kaltherzigkeit und Bösartigkeit erfahren. Und ich habe es noch immer nicht begreifen können.

Ein Mensch ist mit einem LKW in einen Weihnachtsmarkt gefahren und hat ein Dutzend Menschen getötet und viele andere verletzt. Er hat kurz vor Weihnachten unermessliches Leid über andere gebracht und dafür gesorgt, dass dieses Weihnachtsfest für viele Familien kein Fest der Liebe, sondern eine Zeit großer und furchtbarer Trauer ist. Dieser Mensch hat immense Schuld auf sich geladen.

Die Menschen, deren Angehörige, Freunde, deren Liebste von ihm verletzt oder getötet wurden, denen gilt mein Mitgefühl. Ich kenne niemanden, der auf dem Weihnachtsmarkt war, ich habe die Gnade der Unwissenheit, wie sich das anfühlt, wenn einem jemand bei einer so sinnlosen Tat entrissen wird.

Außer mir gibt es zum Glück sehr viele Menschen, die diese Gnade auch teilen. Eigentlich sollten wir alle einfach mal die Fresse halten und demütig sein, dass uns das erspart geblieben ist.  Ein frommer Wunsch. Auf Twitter reissen jetzt Menschen das Maul auf und verlangen, dass Frau Merkel zurücktritt, weil sie diese Menschen umgebracht hat. Die dringende Bitte der Polizei sich nicht an Spekulationen zu beteiligen, wird nicht beachtet und ich lese im Minutentakt, das der Daesh sich bekannt hat, dass es die Flüchtlinge waren, dass es Zeit wird sich zu wehren, dass es ein Pakistani war. Selbst die Nachrichtenmagazine beteiligen sich, und ich rede hier nicht nur von der Blöd, jedes Gerücht wird zur Verfügung gestellt und aufgeblasen.

Ich kann nachvollziehen, dass man sofot wissen will, was genau geschehen ist, mir geht es genauso, deshalb habe ich ja alles durchforstet. Ich kann nicht nachvollziehen, dass man in seiner Ungeduld lieber Gerüchten Glauben schenkt und nicht abwartet, bis die Polizei, bis die Rettungskräfte ihre Arbeit ohne Ablenkung gemacht haben. Diese Leute haben gestern ebenfalls einen der schlimmsten Tage ihres Lebens erlebt. Es wurde ihnen von vielen nicht leicht gemacht. Ich kann am allerwenigsten nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die nicht eine Sekunde persönlich in Gefahr waren, die gestern Abend kein persönliches Leid erfahren mussten, und die sich jetzt öffentlich, sei es auf Twitter, Facebook, YouTube oder sonstwo mit einer Vehemenz über das Geschehene äußern und Hass verbreiten, wo Mitgefühl gebraucht wird.

Der LKW-Fahrer ist schuld. Niemand sonst.

Terror findet seinen Weg, egal wie. Das ist grausam, aber wahr.

Wenn wir uns jetzt abgrenzen, wenn wir jetzt zumachen, wenn wir jetzt hassen, werden wir umso verwundbarer. Das meine ich ernst und nicht moralisch gesehen, das ist meine felsenfeste Überzeugung. Wenn wir zusammenstehen, wenn wir uns verbünden, wenn wir andere zu uns lassen, werden wir stärker. Wir werden diese Soziopathen und Psychos niemals ganz besiegen, aber je mehr von uns zusammenhalten und je mehr wir unsere Herzen für die öffnen, die vor dem Terror fliehen, umso größer wird die Schar derjeniger, die den Hass bekämpfen. Ich habe es in meinem Leben schon so oft im Kleinen erlebt, dass es funktioniert, ich weiß, dass es im Großen gehen muss.

Ich bin weder Paris noch Aleppo noch Berlin. Ich bin ein Furz im Universum. Aber ich werde anstinken gegen Hass und Neid. Weil es das ist, was ich tun kann.

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Wie ich in Stoff ertrank – oder Nähen für Fortgeschrittene als Anfängerin

Zuallererst- nein, das wird jetzt kein Do it yourself- Blog werden, dazu mache ich viel zu wenig yourself und das, was ich mache, gibt es wahrscheinlich alles bereits Schritt für Schritt mit wesentlich größerer Begeisterung in Wort und Bild festgehalten. ABER ich hab mir ein solch dermaßen großkotziges und unglaubliches Projekt vorgenommen, dass ich dachte, das teile ich mal mit der Welt.

Kurz nach meinem Andalusienurlaub bekam ich ein Flamenco-Workshopangebot mit der unvergleichlichen und von mir heißgeliebten Leonor Leal, die Ende Dezember für drei Tage in Berlin aufschlagen würde, in die Finger. Unter anderem bot sie einen „Bata de Cola“ – Kurs an- für den geneigten, aber unwissenden Leser: die Bata de Cola ist ein Schleppenrock mit einem ziemlich langen Schleppendings hinten, das man erfahren und elegant mit den Beinen in der Gegend herumschleudern kann. Wenn man es kann. Da ich es nicht konnte, es aber immer lernen wollte, habe ich mich kurzerhand angemeldet. Jippieh!

Danach- also nach der verbindlichen Anmeldung- ist mir dann eingefallen,  dass ich da bestimmt mit einer Bata ankommen sollte, ich will ja nicht nur die Luft herumschleudern. Wird ja nicht so schwer sein, dachte ich mir, Berlin als Weltstadt hat ja in jedem Bezirk erfahrene und großartige Bata- Dealer. *hier bitte höhnisches und fünf Minuten langes schrilles Gelächter einfügen*

Nach einer mehrstündigen Suche im Internet war ich um folgende Erkenntnisse reicher:

Nein, in Berlin kann man sowas eben nicht einfach mal so kaufen.

Man kann sich eine Bata schneidern lassen, das kostet dann aber ab 300 Euro aufwärts.

In meiner Größe gibt es keine gebrauchten Batas.

Wenn man sich das schneidern lässt, dauert das so lange, dass ich den Kurs ohne Schleppe machen muss. Oder man gibt richtig Geld aus.

Und DANN hatte ich die ZÜNDENDE Idee. Ich nähe mir einfach selbst so einen Rock. Kann ja nicht so schwer sein. *hier bitte Horrofilmsoundtrack der eigenen Wahl kurz im Kopf erklingen lassen*

Also wurde nach einem passenden Schnittmuster gesucht; das habe ich dann tatsächlich in rasender Geschwindigkeit gefunden, und zwar auf der von mir inzwischen sehr geliebten Seite www.flamencodressmaking.com

Die Betreiberin dieser Seite, Anke Herrmann, lebt in Granada, ist Deutsche und liebt Flamenco und die dazugehörenden Anziehsachen. Ihre Tutorials und Blogbeiträge, die ich inzwischen auswendig kenne, machten mir Mut, so dass ich mir das Schnittmuster für die Bata zulegte und das „for advanced sewers“, das daneben stand, als nebensächlich abgetan habe. Ich weiß, wo die Steckdose neben meinem Sekretär steht, ich kann Faden in meine Nähmaschine und meine Overlockmaschine einfädeln, WAS SOLL SCHON SCHIEFGEHEN?! Außerdem habe ich ihr unverschämterweise auch geschrieben und eine liebenswerte und extrem hilfreiche Antwort erhalten, ich schaffe das schon!

56 Din A – 4 – Seiten später hatte ich auch schon das Schnittmuster in der Hand und musste nur noch zusammenkleben.

Schnittmuster

Ich bin so dankbar, dass ich genug Platz auf dem Boden habe… Natürlich ging das Ganze nicht so einfach, ich bin ja bekennende Bastellegasthenikerin und kriege keine zwei Blätter sauber zusammengeklebt. Die Ränder haben nicht zusammengepasst, entweder war die Länge oder die Breite falsch, und als ich dann versucht habe die Bahnen miteinander zu verbinden, hab ich Wülste hingekriegt.

 

Ich habe geflucht. Wie ein Bürstenbinder.  Doch schließlich und endlich…

… nach harter und unsauberen Stellen vertuschender Arbeit hab ich das Schnittmuster fertig ausgeschnitten auf dem Boden gehabt. Und ja, das sind ewig lange Bahnen. Und ja, als ich zum ersten Mal gesehen habe, mit welchen Mengen Stoff ich da zu tun bekomme, ist mir die Düse gegangen. Dabei hatte ich da noch garkeine Vorstellung….

Super, wenn so ein Schnittmuster fertig ist. Blöd nur, wenn man zum Schnittmuster keinen Stoff hat. Aber toll, wenn auf der Website mit dem Schnittmuster Links zu spanischen Onlineshops stehen, auf denen man auch nach Deutschland bestellen kann. Ich habe nämlich nicht die geringste Ahnung, wo ich in Deutschland Stoff wie Flamencopopeline oder Can-Can herkriegen soll und die Quellen, die ich angezapft habe, waren ebenfalls ahnungslos.

Das professionelle Schneiderlein an sich bestellt sich sicherlich Stoffmuster, aber die Schäfer geht auf die Internetseiten, guckt sich aus, was sie so haben will, gibt hundert Euro für Stoff aus und dann geht ihr die Düse. Wozu auf Nummer Sicher gehen, wenn man sich für lau nen Herzkasper basteln kann?

Ich habe in zwei Shops bestellt, an einem Donnerstag. Am Montag war das erste Päckchen da und am Donnerstag drauf das zweite. Also Respekt. Ich habe gewaschen, was gewaschen werden durfte und dann hab ich zwanzig Meter Stoff gebügelt.

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Ich habe es gehasst.

Vom Beschluss bis zu diesem Schritt hat es übrigens eine Woche gedauert. Ich habe eine weitere Woche verstreichen lassen, bis ich mich dazu entschließen konnte, das Schnittmuster auf den Stoff zu übertragen und auszuschneiden. Weil ich mich kenne und weiß, dass ich zu Schludrigkeit neige und weil ich wusste, wenn ich es versemmle, dann kann ich es nicht so einfach entsemmeln, hatte ich Schiss. Und wir reden hier immer noch davon, dass ich Schiss vor dem Rock an sich hatte. Dazu später mehr.

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Schließlich und endlich hab ich angefangen und erst die schwarze, dann die weiße Popeline zugeschnitten, mit stark klopfendem Herzen. Damit ich mit das doppelte Übertragen spare, habe ich den Stoff doppelt genommen und mit Stecknadeln (eine Erfindung der Götter!) zusammengeheftet. Der Rock wird nämlich gefüttert, damit er schwerer ist und nicht verrutscht.

Dann dachte ich mir, bevor ich anfange zu nähen, schneide ich noch eben die Stoffe für die Volants auf der Ober- und Unterseite zu. Extra dafür hab ich mir einen sauscharfen Rollschneider gekauft, mit dem ich mir auch nur drei Mal in den Finger geschnitten habe. Die Halbkreise hab ich achtundsechzig Mal ausgeschnitten, in dreieinhalb Stunden, den CanCan hab ich in wesentlich kürzerer Zeit geschnitten, dafür ist der auch ein wenig unsauber geworden… Und mein rechter Zeigefinger ist vorn taub, immer noch. Wird aber langsam. (Ist praktisch beim Kochen, ich merke nicht, wann ich mich verbrenne.)

Jetzt ist also alles zugeschnitten und ein Haufen Stoff liegt bei mir rum. Ich könnte also anfangen. Mein Problem ist nur, ich trau mich nicht. Bisher musste ich jedes Mal, wenn ich mich an die Nähmaschine gesetzt habe, irgendwas wieder auftrennen, dann hab ich mich mit dem Schnitt vertan und musste mal Stoff nachkaufen, dann hab ich es überhaupt nicht gerafft und hab dauernd die falschen Teile zusammengenäht und so weiter. Davor hatte ich diesmal schiere Panik, wir reden ja von zwanzig Scheißmetern.

Trotzdem habe ich das Projekt Bata de Cola den ganzen Tag rund um die Uhr im Kopf, ich überlege mir, bevor eine Nähnadel auch nur in die Nähe der Popeline gekommen ist, bereits, wie ich das mit dem Reissverschluss wohl am besten hinkriege, ob ich die Volants mit Rundsaum oder Schrägband versehe, wie hübsch das wohl aussehen wird und ob ich damit tanzen kann. Und was ich machen soll, ich hab nämlich einen zu großen Bauchumfang. Der Schnitt passt wie ne Eins, aber am Bauch fehlen vier Zentimeter und da der Rock wie angegossen sitzen soll, ist das ein Problem. Ich hirne und hirne und hirne und denke mir dann, warum nicht einen Keil einsetzen, der bis zur Mitte des Oberschenkels geht und spitz zuläuft? Wenn ich den gesamten Schnitt vergrößere, dann auch an den Stellen, die exakt passen, das geht also nicht.

Zum GLÜCK habe ich im fernen München meine Lieblingstante, die Damenschneidermeisterin ist. Die rufe ich also an und lege ihr meine Idee dar, ob das so machbar sei. Und sie ist begeistert, meint sogar, dass wahrscheinlich nicht mal sie auf diese Idee gekommen wäre. Ich platze vor Stolz über meine grandiose Idee, in der Theorie bau ich ne Bombenbata zusammen. Ich nähe aber noch immer nicht. Im Kopf schon, aber heissa, ich habe Schi-hiss.

Bei einem Telefonat mit meiner Mutter schießlich wird ihr mein Gejammere zu bunt und sie herrscht mich an, ich soll das ganze Zeug eben mit zu ihr bringen, wenn ich im November heimfahre und bei ihr nähen, sie hilft mir dann schon. Gesagt, getan, die Judith, ihre Ovi, zwanzig Meter Stoff (ich nehme vorsichtshalber alle Schnittreste mit, falls ich basteln muss) und Reissverschluss fahren gen Süden.

Der Urlaub bei meinen Eltern hätte ein entspannter Wir-essen-und-trinken-und unterhalten-uns-Urlaub werden sollen, aber kaum war ich zuhause, saß ich auch schon an der Nähmaschine meiner Mutter und habe losgelegt. Meine Mutter hat sich anderthalb Jahre zuvor eine Quilthammermegamaschine gekauft und ich raste vor Wonne ob der gazen Knöpfe, die man da bedienen darf, aus. Da ich lediglich gerade Stiche brauche, ist die Maschine natürlich absolut unterfordert, aber hey, ich arbeite ohne Fußpedal, verrenke mir dadurch den Rücken nicht und arbeite in Rekordgeschwindigkeit los.
Bis ich merke, ich fange ja mit der Ovi an- man will es professionell, man versäubert die Kanten wie eine Große. Das Futter wird auf den Außenstoff gelegt, mit Nadeln zusammengesteckt und mit der Ovi versäubert. Da hol ich mir dann Rücken, weil die n Fußpedal hat, aber was soll´s.

 

Dann kommt das Zusammennähen dran. Und NATÜRLICH versemmle ich die allererste Naht. Ich nähe zwei falsche Teile zusammen. Ich kann nicht mal sagen, woran ich das gemerkt habe, aber als ich die erste Naht stolz angucke, denke ich mir, hm, sind das auch die richtigen Teile, und nein, sie sind es natürlich NICHT. Auftrennen ist beim Nähen das, was ich am besten und saubersten kann. Ich habe jahrelange Übung darin, der Nähtrenner ist mein bester Freund.

Zum Glück war es die erste Naht. Ich reisse mich zusammen und mache das Ganze wieder auf, lege jedes Teil sorgsam zurecht, überprüfe das mindestens dreißig Mal und dann lege ich los.

Es läuft wie am Schnürchen, ich nähe und nähe, kriege den saubersten Reißverschluss der Welt hin (für meine Verhältnisse) und dann kommen die beiden Seitennähte. Der Keil des Grauens will gebastelt werden. Aber was soll ich sagen? Ich messe das kurz an mir aus, schneide aus Futter und Außenstoff zwei Keile, nähe die rein, indem ich den Keil erst mit der Vorderseite verbinde und dann beide Seitennähte schließe und, wer hätte das erwartet, der Rock passt. Wie. Eine. Eins. Er sieht großartig aus. Ich könnte nach vier Tagen Arbeit platzen vor Glück.
Nur ist leider noch nicht ein Zentimeter Volant genäht.

Man erinnert sich an die 68 Punktestoffkreise, die nun alle miteinander verbunden werden wollen? Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen. Siebenundsechzig Mal die Ovi zu bemühen um 12 Zentimeter zu schließen ist die langweiligste und dööfste Aufgabe der Welt. Nein, es wird getoppt vom Rand, der auf beiden Seiten ebenfalls versäubert werden will; da ich erstens zu faul und zweitens zu knickig bin mir zehn Meter Schrägband anzutun, wird es ein Rundsaum. Das dauert alles in allem so um die fünf Stunden. Ich war so genervt, ich hab kein einziges Foto davon geschossen. Und dann musste ich die Lage der Volants auf den Rockstoff übertragen. Zum Glück haben meine Eltern ein großes Wohnzimmer, in dem ich den Rock auf den Boden legen und losmalen konnte. Ich habe zwei Tage Pause gemacht, weil ich mir dermaßen in die Hosen geschissen habe, dass ich das nicht hinkriege. Dermaßen.
Dann nahm sie all ihren Mut zusammen, die lustige Frau, und nähte los. Stück für Stück, gaaaaanz langsam, und nach weiteren drei Stunden säumten fünf Volants den Rock und alle haben sich gefreut, weil es so toll ausgehen hat. Dabei war der ja NOCH IMMER NICHT FERTIG. So ein Schleppenrock braucht nämlich auch Volants auf der Innenseite. Ich hab aber erst mal Urlaub gemacht, noch hatte ich ein paar Wochen Zeit, bis ich zum Workshop musste.

Zuhause angekommen und mit einer niegelnagelneuen Nähmaschine beschenkt ging es dann an die Volants auf der Innenseite. Das funktionierte diesmal nach einem anderen Prinzip und ich hab es mir gleich megadreckig gegeben und auf die großen Volants Minivolants genäht und beim Nähen hab ich gleichzeitig gefaltet. Nie. Wieder.

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Dreißig Meter weißer Cancan auf zwölf Meter schwarzen Cancan in Zeitlupe sauber nähen ist ÄTZEND. Und wenn man das dann hat, muss man alle schwarzen Cancanstreifen auch so falten und nähen. Und wenn das dann fertig ist, müssen alle gefalteten und mit weißem Cancan versehenen Streifen zusammengenäht werden. Und wenn das dann fertig ist, muss man die dann auf der Innenseite des Rockes anbringen. Drei volle Tage für den Mist. Mit drei Mal auftrennen, weil ich die Außenvolants mit vernäht habe, weil ich mal kurz schneller geworden bin. Und ich habe mit dem ganzen Stoff gekämpft, weil ich den kaum unter dem Nähfuß durchgeschoben gekriegt habe.

Ich habe drei Tage nichts anderes mehr als das gesehen. Ich war bedient. Und ich habe mich dennoch bemüht es so sauber wie möglich zu machen, ich wollte mich beim Workshop ja nicht blamieren…

Dann kam sie, die letzte Naht. Ich habe den Rock vorsichtig unter dem Nähfuß rausgeholt, bin aus dem Raum gegangen und habe erst mal eine Zigarette geraucht.
Dann bin ich zurück zum Rock gegangen, habe ihn gestreichelt und ihn in meinem Leben willkommen geheißen. Dann habe ich mein Nähzeug aufgeräumt. Und dann habe ich ihn zum ersten Mal angezogen.

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Ich bin so stolz.

Der Workshop war übrigens großartig; die Mittänzerinnen waren ganz angetan, dass ich den Rock selbst genäht habe und er trotzdem (ähem) so gut fliegt. Ich hab mich auch nicht ein einziges Mal auf die Fresse gepackt und kann ihn inzwischen wirklich schön wirbeln, auch wenn ich nach ner halben Stunde einen unglaublichen Muskelkater in den Unterschenkeln bekomme.

Den Keil muss ich inzwischen allerdings entfernen. Anscheinend war die Arbeit so belastend, dass ich Blut und Wasser in rauhen Mengen geschwitzt habe.

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Will jemand eine Bata de Cola? Soll er googeln.

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Geschenkte Zeit und was ich nicht damit machen will

Ich sitze am Küchentisch und trinke extrem leckeren Kaffee, den ich mir selbst zubereitet habe. Seit eineinhalb Stunden lese ich in ein paar Blogs herum, die ich ab und an mal besuche und deren Existenz mir heute mal wieder eingefallen ist.

Eigentlich sollte ich bis zwölf Uhr mittags schlafen, weil ich gestern auf einer wirklich netten Geburtstagsparty war und erst um kurz nach Drei im Bett lag, ich bin aber um halb Zehn vom Dicken (der übrigens nicht mehr dick ist, aber so Kosenamen prägen sich ein) penetrant um Nahrung angegangen worden, dann dachte ich mir, ich kann auch gleich aufgestanden bleiben und mir nen leckeren Kaffee machen. Ziel erreicht.

Mir passiert das ab und zu mal, dass ich früher wach werde als geplant und mir dann aus präseniler Bettflucht heraus eine halbe bis zwei Stunden im Wachzustand schenke. Und meistens verbringe ich diese Zeit vor meinem iPad und lese Dinge, die das Internet erfunden hat. Oder ich spiele Spiele auf meinem iPad. Wenn ich zur Arbeit gehen muss, komme ich gern mal ins Schwitzen, weil ich dazu neige zu trödeln, wenn ich mehr Zeit für mich habe als ich Kontrollfreak eigentlich eingeplant hatte.

Neulich hatte ich im halbschlafenen Zustand die grandios bescheuerte Idee, dass ich meine seit fünfzehn Jahren in den Ruhestand geschickten zusätzlichen Ohrlöcher ja wieder reaktivieren könnte (R.E.D.- Ohrlöcher quasi, kleiner Filmgag am Rande) und habe sie kurzerhand mit meinen medizinischen Ohrsteckern erdolcht. Das Ohr war eineinhalb Tage rot und langsam kann ich es anfassen ohne in Ultraschallhöhe vor mich hinzujammern. Die Stecker bleiben drin, bis ein Pathologe sie mir von meinen kalten Ohrlappen schneidet. Oder bis ich kein Schmerzempfinden mehr habe. Also nie.

Solche Selbstzerstümmelungsaktionen habe ich übrigens selten, ich finde meine Idiotie nur erwähnenswert.

Was aber immerimmerimmer in meinem Kopf vorgeht, wenn ich mir selbst Zeit schenke: Ich habe ein schlechtes Gewissen. Weil ich mit der geschenkten Zeit nichts Sinnvolles anfange. Ich schaue mich in der Wohnung um und sehe lauter kleine Baustellen, die mich um Aufmerksamkeit anbetteln; der Herd will geputzt werden, die Wäsche möchte bitte ordentlich zusammengefaltet sein und in ihrem natürlichen Lebensraum zur Ruhe kommen, die Pflanzen auf dem Balkon gieren nach dem harten Schnitt der tollen Schere, der Boden erzittert unter der Last der Wollmäuse, die in gefühlten Scharen marodierend über die Fliesen wuseln. Kann jetzt endlos fortgesetzt werden, ich denke aber, der Punkt ist klar geworden.

Heute morgen jedoch wurde mir bewusst, dass das mir gegenüber echt nicht fair ist. Ich mache mir selbst ein Geschenk, nämlich Zeit, und anstatt mit dieser Zeit einfach das zu machen, worauf ich Lust habe, pflanze ich mir einen kleinen Knoten in den Magen, der schlechtgelaunt in meinen Innereien herumtobt und herummeckert, dass ich ein faules Stück Mensch bin, das doch endlich mal den Popo hochkriegen und sein Umfeld bewohnbar machen sollte anstatt vor sich hinzuprokrastinieren. Dabei würde ich normalerweise noch in meinen Träumen Einhörnern hinterherjagen und mit Benedict Cumberbatch Lindy Hop tanzen, ich darf aber jetzt, ganz allein, mit versorgten Katzen und wirklich leckerem Kaffee zwei Stunden Zeit damit verbringen mir mal was Gutes zu tun. Und das ist ganz oft lesen oder spielen. Und nicht Unterhosen zusammenfalten oder matschige Tomaten in den Müll schmeissen.

Die Wohnung sieht nicht aus wie ein Schlachtfeld, die Wohnung sieht aus, als würden Menschen drin leben, die ihre Zeit oft außerhalb verbringen und die nicht immer Zeit haben alles sauberzulecken. Die Wespen, Hummeln und Bienen tanken sich auf einem wildgewordenen Balkon voll, auf dem man bequem sitzen und atmen kann. Die Wollmäuse haben noch keine Gewerkschaft gegründet und machen sich daran die Weltherrschaft an sich zu reissen. Der Herd – nun ja, der Herd sieht scheiße aus. Ich guck nicht hin. Die Katzen kommen ohne Probleme überall hin um ihr Unwesen zu treiben und die blinden Katzen stossen nicht an Möbelstücke. Wo liegt also das Scheißproblem, dass ich die Zeit, die ich mir geschenkt habe, mit dem verbringe, worauf ich Lust habe? Schließlich weiß ich, dass ich ein derart durchgetaktetes Leben führe, dass meine Putzzeiten in meinem Kopf verankert sind und dass ich für die Dinge, die ich außerdem erledigen möchte/sollte/könnte, einen freien und nicht sektgeschwängerten Nachfeierkopf benötige, jetzt sowieso nicht die Energie habe. 

Ich habe mir Zeit geschenkt. Und ein Geschenk soll schön sein.

Ich hab noch fünfzehn Minuten davon übrig. Der Kaffee reicht noch für einen Becher und ich hab die eine Onlinezeitung nicht besucht. Danach hab ich noch fünf Minuten mehr, weil ich nicht erst wach werden muss. Ist das nicht schön?  Ich hab mir ein tolles Geschenk gemacht. Und die Kopfschmerztablette wirkt auch schon.

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Meine fünf Cent

Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Nein, eigentlich habe ich sehr viel geschrieben, aber es durchgelesen und dann wieder gelöscht oder als „Entwurf“ gespeichert. Ich weiß nicht, wie es mit diesem Text sein wird, ob ich die Eier in der Hose habe das im Internet zu veröffentlichen. 

Es geht um ein Thema, das mir den Hals abschnürt, das mich tief in meinem Innersten berührt, bei dem ich immer und immer wieder traurig werde, weil ich die Gesellschaft, die Personen, die um mich sind, oft nicht begreife.

Es geht um Menschen, die ihre Heimat verlassen und Schutz bei uns suchen. Menschen, die wir als Flüchtlinge aufnehmen oder aufnehmen werden. Und ich erlebe immer und immer wieder, dass im Zusammenhang mit diesen Menschen der Begriff „Geld“, der Begriff „Schmarotzer“, der Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“ fällt. Das Wort „Mensch“ kommt sehr, sehr selten vor. Es sind Flüchtlinge. Manchmal wird dieses Wort so ähnlich wie „Insekten“ ausgesprochen. Das macht mich traurig.

Zahlen werden in den Raum geworfen, wie viel kostet „den Steuerzahler“ ein Flüchtling pro Jahr. Beispiele werden genannt, wo die deutsche Bevölkerung eine Einschränkung hinnehmen muss, weil ein Flüchtlingsheim eingerichtet wird. Wenn ich entgegne, dass diese Menschen Hilfe brauchen, werde ich zum Schweigen gebracht, indem man mich fragt, wie viele denn bei mir wohnen.

In den sozialen Medien tritt ein offener Fremdenhass zutage, der mir solch große Angst macht, dass ich schweige. Ja, ich habe Angst. Gebäude werden angezündet, besorgte Bürger geben ihrer Sorge vehement Ausdruck und erdrücken mich mit ihrer Masse. Ich sage nichts, weil ich Angst habe.

Wie beschissen ist das bitte? Wie verkehrt ist diese Welt, dass ich mich- und jetzt bediene ich mich der gleichen Ausdrucksweise wie einige der Menschen, vor denen mir graut- in meinem eigenen Land vor anderen fürchten muss? 

Mein Blog wird nicht von vielen Menschen gelesen. Und in diesem kleinen, meinem Raum werde ich nun meine fünf Cent dazu geben.

Es geht nicht darum, wie viel ein Flüchtling kostet. Es geht nicht darum, dass Flüchtlinge Smartphones haben und warum. Es geht auch nicht darum, dass Wirtschaftsflüchtlinge ja nicht vor nem Krieg flüchten und deshalb keine echten Flüchtlinge sind. Es geht darum, dass Menschen, die existenziell bedroht sind, ob durch Krieg oder durch Hunger und Armut, zu uns kommen und Hilfe brauchen. ES GEHT UM MENSCHEN. Wieso diskutiert man über Kosten, wenn es um etwas so Wertvolles wie Leben geht? 

Unsere Geschichte sollte uns eigentlich demütig machen. Aber ich habe das Gefühl, wir sind raffgierig und luxusverwöhnt geworden, wollen vergessen, dass das, was wir zum Leben haben, viel mehr ist, als wir brauchen. 

Keiner von uns ist gezwungen irgendetwas zu tun. Man muss weder spenden noch helfen noch abgeben. Aber die Fremden willkommen zu heißen, das kostet nichts. Ihnen statt Hass Freundlichkeit zukommen zu lassen und statt Brandsätze zu legen nette Worte zu finden- das muss möglich sein. Und das zu äußern ohne angegriffen zu werden soll ebenfalls selbstverständlich sein.

Meine fünf Cent. 

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Die groben Feinheiten meiner Muttersprache

Ich bin ja glühende Verehrerin der deutschen Sprache. Ich finde es großartig, wie viele verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten wir haben, was wir alles auszudrücken in der Lage sind, welche Nuancen man zur Verfügung hat, wie man sich winden und drehen kann, wenn man möchte- ach, ich gerate jetzt so richtig ins Schwärmen.

Mir fällt allerdings auf, dass trotz des Erlernthabens der ein oder andere den Gebrauch der ihm eigenen Muttersprache zuweilen nicht so ganz richtig beherrscht. Ich möchte das an einem Beispiel erläutern, das mir – und ab hier höre ich auf mit der geschwollenen Einleiterei- also, das mir mal so richtig auf den Senkel geht.

„Das gefällt mir nicht“ versus „das ist schlecht“.
Beispiel: Man bekommt ein Stück Kuchen vorgesetzt, in das man hineinbeisst und feststellt, dass es einem nicht mundet. Richtige Formulierung hier wäre „der Kuchen schmeckt mir nicht“; was bekommt der gebacken Habende stattdessen gern zu hören? Richtig: „der Kuchen schmeckt nicht“- die eigene Meinung wird hier als allgemein gültige Wahrheit formuliert. Wenn dann noch ein anderer sagt, dass er ihn lecker findet, kommt eventuell noch hinzu „du hast halt keinen Geschmack“- ja, danke. Geschmäcker sind verschieden, ich zum Beispiel mag keine Pilze, deshalb setze ich sie aber noch lange nicht auf die Liste der allgemein zu verabscheuenden Lebensmittel und empfinde auch Menschen, die Pilze gern essen, deshalb nicht als Geschmacksschweine. Ja, es nervt mich, dass Meinung immer wieder mit Wahrheit verwechselt wird. Und nur, weil ein paar Menschen eventuell der gleichen Meinung sind, ist das noch lange nicht wahr. Siehe Erde = Scheibe. Vielleicht liegt es an der tiefsitzenden Unsicherheit oder der recht beschränkten kognitiven Aufnahmefähigkeit des ein oder anderen- reine Vermutung-, vielleicht ist es in der jetzigen Zeit auch einfach zu anstrengend sich über etwas Gedanken zu machen, wenn man die als Wahrheiten getarnten Meinungen anderer Menschen mit zwei, drei Klicks im Internet zu eigen machen kann- dennoch möchte ich hiermit dafür plädieren, dass der einzelne sich hin und wieder damit auseinandersetzt, dass nicht alles, was ihm nicht gefällt, eine allgemeingültige Regel des Beschissenseins voraussetzt.

Ich kann mich nicht so wirklich mit der Serie „Breaking Bad“ anfreunden- deswegen ist sie weder schlecht noch habe ich keinen Geschmack. Sie trifft lediglich meinen Unterhaltungsnerv nicht. (Ich gebe nicht auf. Irgendwas kann ja dran sein.)

Ich finde schwarzen Nagellack hässlich. Deswegen benutze ich ihn nicht. Ich werte aber andere nicht ab, die ihn benutzen.

Ich liebe Glitzer und rosa. Deswegen bin ich noch lange nicht oberflächlich und geistig minderbemittelt. (Vielleicht bin ich das, aber das hat damit nicht ursächlich was zu tun.)

Ich werde hysterisch vor Anbetung, wenn ich über David Bowie rede. Deswegen ist er noch lange nicht objektiv gesehen der geilste Musiker auf der Welt. (Auch wenn ich das heimlich vielleicht denken könnte, man weiß es nicht.)

Meinungen und Geschmäcker sind vielfältig. Ich schätze es nicht, wenn ich wegen meiner Meinung niedergemacht werde. Ich schätze es noch weniger, wenn es anderen Menschen passiert. Wir sind alle wertvoll.

Auch ich habe in meinem Kopf einige unverrückbare Wahrheiten gespeichert, die über 2+2=4 hinausgehen. Und diese Wahrheiten werde ich nicht müde unters Volk zu bringen. Man tut Menschen nicht weh. Man gibt sich im sozialen Umfeld Mühe auch sozial zu agieren. Man soll genug trinken, damit man kein Kopfweh bekommt. Wenn man stinkt, dann wäscht man sich. Man isst die grünen Stellen der Kartoffeln nicht roh. Lachen macht Spaß. Keiner kann was dafür, in welchem Land er geboren wurde. Antisemitismus ist der größte Scheiß. Der allergrößte.

Es ist so einfach, seine Meinung als Wahrheit zu tarnen, dann fällt jede Diskussion einfach mal von vornherein flach und Argumente, die dieser „Wahrheit“ nicht entsprechen, sind Schall und Rauch. Da sitzen wir auf unserem Wohlstandspopöchen, haben die Weisheit mit Löffeln gefressen und sehen nicht, dass das, was wir uns so angelesen haben, was uns anerzogen wurde, was wir nur zu einem Bruchteil mitbekommen, keine Wahrheit ist. Sondern Momentaufnahmen, vielleicht noch gefärbt von der Meinung anderer, die es so geschickt formulieren können, dass es uns als wahr erscheint.

Mensch, tu mir einen Gefallen. Lerne zu unterscheiden, was du meinst und was du weißt. Und unterdrücke andere nicht, die nicht in dein kleines Meinungsbild passen. Stell dir mal vor, dein Gegenüber, über das du negativ urteilst, hat genau die gleichen negativen Gedanken über dich. Da würdest du ganz schön doof gucken, oder?

Man könnte ja denken, dass Menschen sich erst dann richtig als Teil einer Gruppe fühlen, wenn sie eine andere Gruppe niedermachen. Könnte man ja historisch gesehen so betrachten. Menschen sind eben so. Wie wäre es, wenn man sich mal einen Ruck gibt und es andersrum probiert? „Ich bin gern Teil dieser Gruppe, weil die anderen so scheiße sind“ durch „Ich bin gern Teil meiner Gruppe, weil wir in dem und dem so toll sind“ ersetzen. Jippieh.

Wenn dir der Kuchen nicht schmeckt, dann iss ihn nicht. Jemand anderes freut sich wahrscheinlich, dass er ein Stück mehr bekommt.

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Entspannungstechniken deluxe

– oder wie ich meinen Zustand nutzte das zu tun, was ich will

Seit fünf Tagen weiß ich nun, dass ich nichts Besonderes bin. Ich leide an der Volkskrankheit Nummer Eins, zu hohem Blutdruck. Und zwar so hoch, dass ich gleich mal krankgeschrieben wurde um etwas runterzukommen. Ja, okay, ne Nebenhöhlenentzündung hab ich auch, aber das ist ja schon nicht mehr erwähnenswert. Jetzt weiß ich immerhin, woher der dauernde Kopfschmerz und die monatelangen Schlafstörungen kommen.
Jetzt sitze oder liege oder lehne ich also in meinem trauten Heim und versuche begeistert zu entspannen. Man vermutet nämlich, dass der hohe Blutdruck (abgesehen vom Gewicht, das aber anscheinend nicht sooo der Faktor ist- Konfetti!) durch durchgehend zu hohe Stressbelastung in meinem Leben kommt. Und sich jetzt manifestiert hat. Das Herz hat wohl noch nichts abbekommen, robustes kleines Scheißerchen.
Ich habe großartige Ärztinnen, die mich exzellent begleiten und mit ihrem Pragmatismus und ihrer trockenen und dennoch warmen Art meiner plötzlichen Todesangst entgegensteuern können. Ja, die Schäfer saß weinend da, weil sie dachte, sie stirbt in zwei Tagen an nem Herzschlag. Die Phantasie in mir ist zuweilen erschreckend überbordend…
Meine Pläne waren
– sofort dreißig Kilo abzunehmen
– ab jetzt mit dem Rauchen aufzuhören
– mich quasi nur noch salzlos zu ernähren
– das Schwimmen täglich drei Stunden wieder aufzunehmen

Abgesehen von der Zeitangabe des Schwimmens hab ich das meiner Ärztin genau so kommuniziert. Deren Worte waren „Stop. Zuerst mal: Schwimmen ist eine exzellente Idee. Aber was Sie sich da vorgenommen haben, ist direkt zum Scheitern verurteilt. Alles auf einmal wird nicht funktionieren. Wenn Sie sich um eins nach dem anderen kümmern, hat das viel mehr Erfolg.“ Dass sie als Ärztin das Rauchenaufhören mehr als begrüßen würde, stünde außer Frage. Aber ich solle erst mal mit dem Schwimmen anfangen. Und ich bekäme Tabletten. Und das mit dem Salz…
Dann haben wir uns über meine Lebenssituation unterhalten. Woher der Stress wohl kommt.
Wenn ich gezwungen bin konkret über Dinge nachzudenken, fallen mir schnell mal die Schuppen von den Augen.
Die Fakten:
– am Broterwerb liegt es nicht; die Jobs, die ich habe, machen mir Spaß und bei denen kann ich mich als private Person so zurücknehmen, dass mir stressige Situationen nicht an die Substanz gehen (ich hol mir da sogar Bestätigung und postive Energie raus, man höre und staune)
– ich hatte und habe in meinem nahen Umfeld Personen, denen es gesundheitlich und/oder psychisch beschissen bis grenzwertig gefährlich schlecht geht, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg
– ich setze mich unter Druck, und zwar in so ziemlich jeder Lebenssituation, die ich mich zu meistern aufmache
– ich beurteile mich fast zwangsstörungsmäßig von außen betrachtet (gewogen und für zu leicht befunden, für die Alttestamentarier unter den geneigten Lesern)
Da meine Ärztin und ich schon über eine mögliche sehr wahrscheinliche Hochsensibilität meinerseits gesprochen hatten, war das dann auch gleich Thema. Ich bin so dermaßen empathisch in vielen Situationen, dass ich die Gemütszustände des Gegenübers ohne es zu wollen spiegle. Ich weiß das, deswegen steuere ich bewusst dagegen an.
(Meine Techniken sind da vielfältig und unpopulär, aber wenn ich sie einsetze, wirken sie. Wenn ich in wirklich unpassenden Situationen vor mich hingrinse und „Die Fahrt ins Heu“ singe, wisst ihr Bescheid….) Aber ich kann das nicht immer und bei jedem, je näher mir ein Mensch ist, desto stärker empfinde ich mit. Ohne es zu wollen und ohne es so wirklich zu merken. Obwohl ich es ja weiß, aber es geht einfach nicht in meinen Kopf, dass mein Herz mitleidet.
Meine Ärztin sprach Meditation und autogenes Training an. Als sie meine hochgezogene Augenbraue erblickte, lächelte sie leicht und sprach: „Ja, hilft nicht jedem.“ Was mich denn entspannen würde. Spontan fiel mir da eine Lobotomie ein.
Scheint keine Option zu sein.
Nach EKG, Blutabnahme und Rezeptverschreibungen schickte mich die Ärztin mit der Hausaufgabe heim mir zu überlegen, was mich entspannt. Ich solle mich ausruhen. Und nur tun, was mir Spaß macht.
Hab dann direkt mal den Fernseher angeschmissen und mir drei Folgen „Penny Dreadful“ reingezogen. Blutig, Horror, gespickt mit gut geklauten Geschichten, die ich gelesen habe und mit -hachz- Timothy Dalton. Und was soll ich sagen? Die Atmung wurde gleichmäßiger, ich hab mich direkt danach umgedreht und zwei Stunden tief und erholsam geschlafen. Mit nem dicken Kater auf den Beinen, der schnurrend meine Träume bewachte.
Ja, das wirkt befremdlich. Die Schäfer entspannt bei spannenden Geschichten. „The Walking Dead“ – es pennt. „Haven“ – es atmet ruhig. Menschen in meiner Umgebung, die mit mir privat in Interaktion treten- diastolischer Wert, in ungeahnte Höhen getrieben.
Ich habe eine streng misanthropische Phase.
Aus Selbstschutz. Ich bin gerade so am Rand meiner selbst, dass selbst einfache Fragen wie „Was möchtest du denn essen?“ Schnappatmung und hektisches Kratzen bei mir auslösen. Ich stehe unter der Dusche und spiele SchereSteinPapierEchseSpock, weil mir die Wahl des Duschgels so schwerfällt (ich habe drei Stück in der Dusche- wenn ich sieben hätte, wäre es für jeden Wochentag eins, fällt mir gerade so ein). Wenn mir mein Handy eine Nachricht signalisiert, muss ich dem Drang widerstehen es an die Wand zu schmeissen, weil ich keine Nachrichten von der Außenwelt ertrage, die mir Entscheidungen abverlangen könnten.
Warum ich das jetzt so freimütig mit der Weltöffentlichkeit teile?
1. Ich weiß, dass viele, die mich lieben und denen ich wichtig bin, meinen Blog lesen.
2. Ich muss das kommunizieren, damit diejenigen, die mich lieben, wissen, warum ich eventuell mit ziemlicher Sicherheit nicht auf Nachrichten reagiere, zumindest nicht sofort.
3. Ich bin zu entscheidungsfaul die eMailadressen derjenigen rauszusuchen, die es wissen sollten.
4. Ich suche noch nach Serienvorschlägen. Bitte keine „muss man gesehen haben“- Formulierungen, mehr sowas wie „finde ich geil/spannend/blutig/hachz“.
5. Es wird bald besser. Haltet bis dahin durch.
6. Wenn ihr Liebe zu verschenken habt, gern auch in Form von schönen Geschichten, schenkt ein bisschen was davon mir. Das tanke ich dann, damit ich selbst wieder abgeben kann.

Und bittebittebitte: Gebt mir nur keine Ratschläge, wie ich meinen zu hohen Blutdruck in den Griff bekomme. Das stresst mich. Meine Ärztinnen und ich machen das schon.
So. Jetzt gehe ich weitergucken. Danke fürs Zuhören. Hab ich gebraucht.

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Mein erstes Mal

Ich finde es toll, dass man das gesamte Leben lang immer wieder erste Male erleben darf. Nichtsdestotrotz gibt es da einige erste Male, auf die ich wirklich hätte verzichten können. So auch mein erstes Mal, neulich, im Ballett…
Das Berliner Staatsballett hat „Romeo und Julia“ im Programm, und zwar die Inszenierung von John Cranko, die ich in Stuttgart nicht gesehen habe. Also auf und Karten besorgt und dann stolz und glücklich im ersten Rang der Deutschen Oper Musik und Tanz goutieren. Großartig.
Ich liebe ja Theater- und sonstige kulturelle Aufführungen, bin gern ein Teil davon und auch das Zuschauen bereitet mit Freude. Was mich jedoch wirklich und ehrlich nervt, sowohl als Darstellerin als auch als Zuschauerin, sind diese nervigen Hustereien. Echt, muss das sein? Das stört die Konzentration und warum muss das immer genau bei den leisen Stellen in sich hineingepresst werden? Das ist fast unanständig. Bisschen Selbstbeherrschung, bitte. Und dann auch noch so langgezogen und unterdrückt und eeeeeewig. NERV!
So meine Einstellung zu diesem Thema. Bis ich in der Deutschen Oper im ersten Rang sitze und mich bei der Stelle, als Julchen während der Ballszene hereinschwebt und diesen zarten Moment mit ihrem elfenhaften Körper zu wirklich leiser Musik auszudrücken versucht, aus dem Nichts ein Hustenreiz überfällt. Aus dem Nichts. Orkanartig. So als ob direkt vor dem Zäpfchen ein Staubkorn meinen Speichel ins Nirvana schickt. Ich unterdrücke, schlucke und schlucke und schlucke und huste so leise wie möglich vor mich hin. Deshalb auch lange und qualvoll. Ähäähäähä. ÄhHÄhähä. Ähähähäch. Hääääähähähähä. Arch. Die ältere Dame neben mir beugt sich langsam in die entgegengesetzte Richtung. Das Staubkorn schwillt zu einem gefühlten Kieselstein an. Und dann kommt der Moment, vor dem ich mich gefürchtet habe- wenn ich husten muss, folgt unwiderbringlich kurz darauf der Niesreiz. Der gewaltige Niesreiz. Ich spüre schon, wie es an den Lamellen kitzelt, als der sanfte Julchenmoment vom Ballbombast abgelöst wird. Schlagartig kitzelt es nicht mehr, ich lasse erleichtert einen lauten, einzelnen Huster los und fühle mich erlöst.
Bis Julia wieder vor sich hinschwebt. Da kommt der Niesreiz mit geballter Wucht in die Nase zurück. Ich komm kaum hinterher mir die Nase zuzuhalten, als das Nies schon meinen Körper verlässt. Ich hoffe, dass der fiese Fiepton nur in meinem Kopf ist, aber da ist auch schon wieder das Staubkorn, das sich nach einer kurzen Reise durch die Mundhöhle wieder vors Zäpfchen bettet. Ich schluckeschluckeschluckeschlucke und huste ähähähä, hääääää,hähähäh. Nieser Nummer Zwei bereitet sich auf seinen Einsatz vor und schüttelt mich kurz vor dem großen Ballfinale durch. Ich habe das Gefühl, dass der Paukenspieler aus dem Graben seinen vorwurfsvollen Blick direkt in mein Staubkorn bohrt. Und ich muss schneuzen.
Ich möchte singen vor Freude, als der erste Akt endet und ich in der zwanzigminütigen Pause meine Kehle benetzen kann. So ein Hustenreiz wird ja durch trockene Kehle nicht besser, nicht wahr?!
Gelöst und enthustet sitze ich freudig erregt im ersten Rang und sehe Romeo und Julia zu, wie sie ihre erste gemeinsame Nacht zelebrieren. Anscheinend ist das verfluchte Staubkorn der Meinung die Aufführung auch im zweiten Akt begleiten zu dürfen. Der Hustenreiz ist zurück. In 3D. Doch diesmal lasse ich mich nicht mehr ins Bockshorn jagen, die beiden Liebenden laufen im Moment eh nur verzückt in Kreisen herum- ein einmaliger, beherzter Huster und das Staubkorn ist Geschichte.
Und ab da- Ruhe. Zumindest bei mir, gegen Ende des dritten Aktes hustet es kurz und verschämt aus dem Parkett. Zum ersten Mal habe ich Mitleid.
Ich werde mich nicht mehr über Hustenanfälle im Theater aufregen. Nur ein Tipp: Macht es kurz, hustet das Ding raus und gut ist es. So oder so peinlich, aber kurz und knackig macht dem Staubkorn des Grauens den Garaus.
So, und wieder ein erstes Mal abgehakt.

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Enthüllungen

Ich habe lang nichts von mir hören lassen. Das liegt daran, dass ich mit mir gerungen habe, ob ich mich endlich in der Öffentlichkeit zu etwas bekenne, von dem bisher noch kaum einer weiß. Jeder Mensch hat Geheimnisse; solche, die er nur mit einem erlesenen Kreis eng Vertrauter teilt, solche, derer er sich schämt und von denen er hofft, dass sie niemals ans Tageslicht kommen und solche, die irgendwann von Geheimnis zu Allgemeingut werden. Geheimnisse sind etwas Kostbares, finde ich. Also zumindest ein paar. Zumindest die berühmte „geheime Zutat“ in einem besonders lecker schmeckenden Essen- an dieser Stelle möchte ich übrigens dafür plädieren solche Rezepte nicht mit ins Grab zu nehmen. Meine Oma hat den weltbesten Träubleskuchen der Welt gebacken und es versäumt mir ihr Rezept mitzuteilen. Es hat mich Jahre und etliche misslungene Versuche gekostet, bis ich das Rezept herausgefunden habe. Welch Verschwendung. Ich hole jedoch nach.

Andere Geheimnisse sind reizvoll; früher haben meine Eltern kurz vor Weihnachten und Geburtstagen englisch oder französisch miteinander gesprochen, was die Vorfreude bei mir ins Unermessliche steigen liess. Ich wurde übrigens nie enttäuscht. War dann vorbei, als ich dieser Sprachen selbst mehr oder weniger mächtig wurde (und wie man weiß, spreche ich papa, dieser Ausweg blieb meinen Eltern also verwehrt).
Wiederum andere Geheimnisse sind schambehaftet. Ich litt jahrelang unter Schuppenflechte, und zwar an den Armen und Beinen, weshalb ich selbst im Hochsommer langärmlig vor mich hingeschmolzen bin. Als ich dann vor einer Premiere mit eigentlich blickdichter Strumpfhose vor der Kostümbildnerin stand, die mir schreckensverzerrtem Gesicht auf meine Beine zeigte und „Oh mein Gott, was hast du denn da?!?!?“ kreischte, antwortete ich „Lepra.“ Meine Schuppenflechte ist wesentlich besser geworden, ein Geheimnis ist sie jetzt auch nicht mehr.

Wiederum andere Geheimnisse werden durch Zufall enthüllt. So zum Beispiel Plagiatiererei. Auf meinem Rombesuch habe ich entdeckt, dass „Fuchur“ bereits in der Antike auf unserer Erde war:

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Nun, mein Geheimnis, das ich mit der Welt teilen will, nein, muss, denn es zerreisst mich, frisst mich auf, macht mich einsam, lässt mich nachts in die Kissen schreien- ach, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Meine Familie weiß von nichts. Wie werden meine Eltern reagieren? Wird mein Bruder mich noch in seine Arme schliessen? Ich weiß nicht, ob mich die Enthüllung einsam machen wird, noch einsamer, als ich mich sowieso schon fühle. Werde ich noch Freunde haben? Werde ich ein Leben führen können,das man noch lebenswert nennen kann?

Es hilft alles nichts. Es muss raus. Jetzt wird sich meine wahre Stärke zeigen, die ich bisher oft nur als Schild vor mir hergetragen habe. Es ist an der Zeit.

Ich bin Batman.

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Auf, auf, nach Rom! Oder?

Nach zehnjähriger „Davon-Sprecherei“ fahre ich nächste Woche nun endlich mit meiner Mutter nach Rom. Gut Ding, was lange währt und so, ihr wisst schon.
Die Vorgeschichte dazu ist folgende:
Ich habe „Illuminati“ von Dan Brown in einem Rutsch durchgelesen und wollte quasi sofort Rom besuchen; ich gab meiner Mutter das Buch zum Lesen (sie war letztes Jahrtausend Au-Pair-Mädchen in der Ewigen Stadt und schwärmt heute noch davon), sie gab es mir kurze Zeit später zurück und meinte, es sei ein gutes Buch, aber „das stimmt nicht, das stimmt nicht und das stimmt nicht“ (und wir reden hier von der Richtung einer Pfeilspitze und solchen Details).
Meine Antwort war: „Super, das zeigst du mir mal, wir fahren zusammen nach Rom!“ Die beste Mutter, die ich habe erwischen können, bejahte.
Jahrelang sprachen wir immer mal wieder davon, langsam, aber sicher wurden wir vom Umfeld belächelt, weil wir kein konkretes Datum vorzuweisen hatten, man glaubte nicht, dass die beiden Frauen jemals den Arsch hochkriegen würden- und letzten September, zwei Tage nach dem siebzigsten Geburtstag meiner Mutter, haben wir endlich Nägel mit Köpfen gemacht. Zack, bumm, Flug und Apartment gebucht- über den Dächern Roms, mit Dachterrasse- und nächste Woche gehts los.
Ich freue mich wie Sau, meine Mutter freut sich sogar auch, nachdem sie feststellen durfte, dass die Tochter sich um alles Organisatorische mit hysterischer Begeisterung kümmert, sowas wie Transfer vom und zum Flughafen, Apartment-Öffis-Verbindung; und dann hab ich außerdem das beste Muttertagsgeschenk EVER: Eintrittskarten für die Vatikanischen Museen und die Sixtinische Kapelle. Tausend Tochterpunkte. At least.
Und DANN. DANN. DANN!!!! Die Piloten der Lufthansa beschließen zu streiken. Mit 48stündiger Vorankündigung. Man verstehe mich nicht falsch, Arbeitskampf oleole, Streik ist ein Mittel, das ich nicht grundsätzlich verteufle, ABER NACH ZEHN JAHREN HOFFEN, WÜNSCHEN UND BANGEN WILL ICH NÄCHSTE WOCHE NACH ROM!!!!
Nun gut. Wir müssen quasi nur den Montag ohne Vorankündigung überstehen. Aber mein Magen macht das nicht mit- er wird sauer. Ich tue zwar ganz entspannt, meine Mutter tut ganz entspannt, aber der saure Magen macht mir mehr und mehr Schwierigkeiten. Ich will ja niemanden belasten, vor allem nicht die vorfreudige Mutter, dennoch muss ich eben kurz mal daheim anrufen und sagen, dass ich nen sauren Magen habe. Mama bemitleidet mich und erwähnt so nebenher, dass sie mit meinem Dad besprochen hat, wenn die Piloten streiken, dann fährt er uns eben nach München und wir fahren mit dem Zug nach Rom. Habe ich schonmal erwähnt, dass ich die beste Mutter habe, die ich habe erwischen können?! Die Frau, die gern mitkommt, wenn sie so wenig wie möglich organisieren muss, organisiert unsere Anfahrt. Der beste Vater, den ich habe erwischen können, fährt uns dann einfach mal nach München. Und der saure Magen verschwindet, wird ein wohligwarmer Magen. ROM, WIR KOMMEN! Egal, wie, Judith et Mamma ante portas. Aleae iactae sunt. Ich kann kein Italienisch. Aber bald.

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