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Entspannungstechniken deluxe

– oder wie ich meinen Zustand nutzte das zu tun, was ich will

Seit fünf Tagen weiß ich nun, dass ich nichts Besonderes bin. Ich leide an der Volkskrankheit Nummer Eins, zu hohem Blutdruck. Und zwar so hoch, dass ich gleich mal krankgeschrieben wurde um etwas runterzukommen. Ja, okay, ne Nebenhöhlenentzündung hab ich auch, aber das ist ja schon nicht mehr erwähnenswert. Jetzt weiß ich immerhin, woher der dauernde Kopfschmerz und die monatelangen Schlafstörungen kommen.
Jetzt sitze oder liege oder lehne ich also in meinem trauten Heim und versuche begeistert zu entspannen. Man vermutet nämlich, dass der hohe Blutdruck (abgesehen vom Gewicht, das aber anscheinend nicht sooo der Faktor ist- Konfetti!) durch durchgehend zu hohe Stressbelastung in meinem Leben kommt. Und sich jetzt manifestiert hat. Das Herz hat wohl noch nichts abbekommen, robustes kleines Scheißerchen.
Ich habe großartige Ärztinnen, die mich exzellent begleiten und mit ihrem Pragmatismus und ihrer trockenen und dennoch warmen Art meiner plötzlichen Todesangst entgegensteuern können. Ja, die Schäfer saß weinend da, weil sie dachte, sie stirbt in zwei Tagen an nem Herzschlag. Die Phantasie in mir ist zuweilen erschreckend überbordend…
Meine Pläne waren
– sofort dreißig Kilo abzunehmen
– ab jetzt mit dem Rauchen aufzuhören
– mich quasi nur noch salzlos zu ernähren
– das Schwimmen täglich drei Stunden wieder aufzunehmen

Abgesehen von der Zeitangabe des Schwimmens hab ich das meiner Ärztin genau so kommuniziert. Deren Worte waren „Stop. Zuerst mal: Schwimmen ist eine exzellente Idee. Aber was Sie sich da vorgenommen haben, ist direkt zum Scheitern verurteilt. Alles auf einmal wird nicht funktionieren. Wenn Sie sich um eins nach dem anderen kümmern, hat das viel mehr Erfolg.“ Dass sie als Ärztin das Rauchenaufhören mehr als begrüßen würde, stünde außer Frage. Aber ich solle erst mal mit dem Schwimmen anfangen. Und ich bekäme Tabletten. Und das mit dem Salz…
Dann haben wir uns über meine Lebenssituation unterhalten. Woher der Stress wohl kommt.
Wenn ich gezwungen bin konkret über Dinge nachzudenken, fallen mir schnell mal die Schuppen von den Augen.
Die Fakten:
– am Broterwerb liegt es nicht; die Jobs, die ich habe, machen mir Spaß und bei denen kann ich mich als private Person so zurücknehmen, dass mir stressige Situationen nicht an die Substanz gehen (ich hol mir da sogar Bestätigung und postive Energie raus, man höre und staune)
– ich hatte und habe in meinem nahen Umfeld Personen, denen es gesundheitlich und/oder psychisch beschissen bis grenzwertig gefährlich schlecht geht, und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg
– ich setze mich unter Druck, und zwar in so ziemlich jeder Lebenssituation, die ich mich zu meistern aufmache
– ich beurteile mich fast zwangsstörungsmäßig von außen betrachtet (gewogen und für zu leicht befunden, für die Alttestamentarier unter den geneigten Lesern)
Da meine Ärztin und ich schon über eine mögliche sehr wahrscheinliche Hochsensibilität meinerseits gesprochen hatten, war das dann auch gleich Thema. Ich bin so dermaßen empathisch in vielen Situationen, dass ich die Gemütszustände des Gegenübers ohne es zu wollen spiegle. Ich weiß das, deswegen steuere ich bewusst dagegen an.
(Meine Techniken sind da vielfältig und unpopulär, aber wenn ich sie einsetze, wirken sie. Wenn ich in wirklich unpassenden Situationen vor mich hingrinse und „Die Fahrt ins Heu“ singe, wisst ihr Bescheid….) Aber ich kann das nicht immer und bei jedem, je näher mir ein Mensch ist, desto stärker empfinde ich mit. Ohne es zu wollen und ohne es so wirklich zu merken. Obwohl ich es ja weiß, aber es geht einfach nicht in meinen Kopf, dass mein Herz mitleidet.
Meine Ärztin sprach Meditation und autogenes Training an. Als sie meine hochgezogene Augenbraue erblickte, lächelte sie leicht und sprach: „Ja, hilft nicht jedem.“ Was mich denn entspannen würde. Spontan fiel mir da eine Lobotomie ein.
Scheint keine Option zu sein.
Nach EKG, Blutabnahme und Rezeptverschreibungen schickte mich die Ärztin mit der Hausaufgabe heim mir zu überlegen, was mich entspannt. Ich solle mich ausruhen. Und nur tun, was mir Spaß macht.
Hab dann direkt mal den Fernseher angeschmissen und mir drei Folgen „Penny Dreadful“ reingezogen. Blutig, Horror, gespickt mit gut geklauten Geschichten, die ich gelesen habe und mit -hachz- Timothy Dalton. Und was soll ich sagen? Die Atmung wurde gleichmäßiger, ich hab mich direkt danach umgedreht und zwei Stunden tief und erholsam geschlafen. Mit nem dicken Kater auf den Beinen, der schnurrend meine Träume bewachte.
Ja, das wirkt befremdlich. Die Schäfer entspannt bei spannenden Geschichten. „The Walking Dead“ – es pennt. „Haven“ – es atmet ruhig. Menschen in meiner Umgebung, die mit mir privat in Interaktion treten- diastolischer Wert, in ungeahnte Höhen getrieben.
Ich habe eine streng misanthropische Phase.
Aus Selbstschutz. Ich bin gerade so am Rand meiner selbst, dass selbst einfache Fragen wie „Was möchtest du denn essen?“ Schnappatmung und hektisches Kratzen bei mir auslösen. Ich stehe unter der Dusche und spiele SchereSteinPapierEchseSpock, weil mir die Wahl des Duschgels so schwerfällt (ich habe drei Stück in der Dusche- wenn ich sieben hätte, wäre es für jeden Wochentag eins, fällt mir gerade so ein). Wenn mir mein Handy eine Nachricht signalisiert, muss ich dem Drang widerstehen es an die Wand zu schmeissen, weil ich keine Nachrichten von der Außenwelt ertrage, die mir Entscheidungen abverlangen könnten.
Warum ich das jetzt so freimütig mit der Weltöffentlichkeit teile?
1. Ich weiß, dass viele, die mich lieben und denen ich wichtig bin, meinen Blog lesen.
2. Ich muss das kommunizieren, damit diejenigen, die mich lieben, wissen, warum ich eventuell mit ziemlicher Sicherheit nicht auf Nachrichten reagiere, zumindest nicht sofort.
3. Ich bin zu entscheidungsfaul die eMailadressen derjenigen rauszusuchen, die es wissen sollten.
4. Ich suche noch nach Serienvorschlägen. Bitte keine „muss man gesehen haben“- Formulierungen, mehr sowas wie „finde ich geil/spannend/blutig/hachz“.
5. Es wird bald besser. Haltet bis dahin durch.
6. Wenn ihr Liebe zu verschenken habt, gern auch in Form von schönen Geschichten, schenkt ein bisschen was davon mir. Das tanke ich dann, damit ich selbst wieder abgeben kann.

Und bittebittebitte: Gebt mir nur keine Ratschläge, wie ich meinen zu hohen Blutdruck in den Griff bekomme. Das stresst mich. Meine Ärztinnen und ich machen das schon.
So. Jetzt gehe ich weitergucken. Danke fürs Zuhören. Hab ich gebraucht.

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