Schlagwort-Archive: Wahrheit

Die groben Feinheiten meiner Muttersprache

Ich bin ja glühende Verehrerin der deutschen Sprache. Ich finde es großartig, wie viele verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten wir haben, was wir alles auszudrücken in der Lage sind, welche Nuancen man zur Verfügung hat, wie man sich winden und drehen kann, wenn man möchte- ach, ich gerate jetzt so richtig ins Schwärmen.

Mir fällt allerdings auf, dass trotz des Erlernthabens der ein oder andere den Gebrauch der ihm eigenen Muttersprache zuweilen nicht so ganz richtig beherrscht. Ich möchte das an einem Beispiel erläutern, das mir – und ab hier höre ich auf mit der geschwollenen Einleiterei- also, das mir mal so richtig auf den Senkel geht.

„Das gefällt mir nicht“ versus „das ist schlecht“.
Beispiel: Man bekommt ein Stück Kuchen vorgesetzt, in das man hineinbeisst und feststellt, dass es einem nicht mundet. Richtige Formulierung hier wäre „der Kuchen schmeckt mir nicht“; was bekommt der gebacken Habende stattdessen gern zu hören? Richtig: „der Kuchen schmeckt nicht“- die eigene Meinung wird hier als allgemein gültige Wahrheit formuliert. Wenn dann noch ein anderer sagt, dass er ihn lecker findet, kommt eventuell noch hinzu „du hast halt keinen Geschmack“- ja, danke. Geschmäcker sind verschieden, ich zum Beispiel mag keine Pilze, deshalb setze ich sie aber noch lange nicht auf die Liste der allgemein zu verabscheuenden Lebensmittel und empfinde auch Menschen, die Pilze gern essen, deshalb nicht als Geschmacksschweine. Ja, es nervt mich, dass Meinung immer wieder mit Wahrheit verwechselt wird. Und nur, weil ein paar Menschen eventuell der gleichen Meinung sind, ist das noch lange nicht wahr. Siehe Erde = Scheibe. Vielleicht liegt es an der tiefsitzenden Unsicherheit oder der recht beschränkten kognitiven Aufnahmefähigkeit des ein oder anderen- reine Vermutung-, vielleicht ist es in der jetzigen Zeit auch einfach zu anstrengend sich über etwas Gedanken zu machen, wenn man die als Wahrheiten getarnten Meinungen anderer Menschen mit zwei, drei Klicks im Internet zu eigen machen kann- dennoch möchte ich hiermit dafür plädieren, dass der einzelne sich hin und wieder damit auseinandersetzt, dass nicht alles, was ihm nicht gefällt, eine allgemeingültige Regel des Beschissenseins voraussetzt.

Ich kann mich nicht so wirklich mit der Serie „Breaking Bad“ anfreunden- deswegen ist sie weder schlecht noch habe ich keinen Geschmack. Sie trifft lediglich meinen Unterhaltungsnerv nicht. (Ich gebe nicht auf. Irgendwas kann ja dran sein.)

Ich finde schwarzen Nagellack hässlich. Deswegen benutze ich ihn nicht. Ich werte aber andere nicht ab, die ihn benutzen.

Ich liebe Glitzer und rosa. Deswegen bin ich noch lange nicht oberflächlich und geistig minderbemittelt. (Vielleicht bin ich das, aber das hat damit nicht ursächlich was zu tun.)

Ich werde hysterisch vor Anbetung, wenn ich über David Bowie rede. Deswegen ist er noch lange nicht objektiv gesehen der geilste Musiker auf der Welt. (Auch wenn ich das heimlich vielleicht denken könnte, man weiß es nicht.)

Meinungen und Geschmäcker sind vielfältig. Ich schätze es nicht, wenn ich wegen meiner Meinung niedergemacht werde. Ich schätze es noch weniger, wenn es anderen Menschen passiert. Wir sind alle wertvoll.

Auch ich habe in meinem Kopf einige unverrückbare Wahrheiten gespeichert, die über 2+2=4 hinausgehen. Und diese Wahrheiten werde ich nicht müde unters Volk zu bringen. Man tut Menschen nicht weh. Man gibt sich im sozialen Umfeld Mühe auch sozial zu agieren. Man soll genug trinken, damit man kein Kopfweh bekommt. Wenn man stinkt, dann wäscht man sich. Man isst die grünen Stellen der Kartoffeln nicht roh. Lachen macht Spaß. Keiner kann was dafür, in welchem Land er geboren wurde. Antisemitismus ist der größte Scheiß. Der allergrößte.

Es ist so einfach, seine Meinung als Wahrheit zu tarnen, dann fällt jede Diskussion einfach mal von vornherein flach und Argumente, die dieser „Wahrheit“ nicht entsprechen, sind Schall und Rauch. Da sitzen wir auf unserem Wohlstandspopöchen, haben die Weisheit mit Löffeln gefressen und sehen nicht, dass das, was wir uns so angelesen haben, was uns anerzogen wurde, was wir nur zu einem Bruchteil mitbekommen, keine Wahrheit ist. Sondern Momentaufnahmen, vielleicht noch gefärbt von der Meinung anderer, die es so geschickt formulieren können, dass es uns als wahr erscheint.

Mensch, tu mir einen Gefallen. Lerne zu unterscheiden, was du meinst und was du weißt. Und unterdrücke andere nicht, die nicht in dein kleines Meinungsbild passen. Stell dir mal vor, dein Gegenüber, über das du negativ urteilst, hat genau die gleichen negativen Gedanken über dich. Da würdest du ganz schön doof gucken, oder?

Man könnte ja denken, dass Menschen sich erst dann richtig als Teil einer Gruppe fühlen, wenn sie eine andere Gruppe niedermachen. Könnte man ja historisch gesehen so betrachten. Menschen sind eben so. Wie wäre es, wenn man sich mal einen Ruck gibt und es andersrum probiert? „Ich bin gern Teil dieser Gruppe, weil die anderen so scheiße sind“ durch „Ich bin gern Teil meiner Gruppe, weil wir in dem und dem so toll sind“ ersetzen. Jippieh.

Wenn dir der Kuchen nicht schmeckt, dann iss ihn nicht. Jemand anderes freut sich wahrscheinlich, dass er ein Stück mehr bekommt.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Das echte Leben